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    Der Leseranwalt: Über Maßstäbe für Moral und guten Geschmack

    Unübersehbar, da riesengroß und in leuchtenden Farben, für jeden einsehbar – also auch für Kinder. So bekam ich 'Best of the Best Gina Wild' zum Samstagsfrühstück serviert.“ So weist mich ein Leser auf die Geschäftsanzeige in der Ausgabe vom 23. Februar (Seite 67) hin.

    Er habe sich vorgestellt, was er damit für einen „Erfolg“ gehabt hätte, wenn er mit seinen Drittklässlern im Rahmen von „KLASSE-KIDS“ (eine Aktion dieser Zeitung für Grundschüler) auf die Anzeige, die er als pornografisch bezeichnet, gestoßen wäre. Sie zeigt das Cover einer DVD mit dem Ex-Porno-Star Gina Wild, dürftig bekleidet, in zwei erotischen Posen. Ihre Schamzonen verdecken jeweils nur kleine rote Sternchen.

    Offenkundig handelt es sich bei dem Kritiker um einen verantwortungsbewussten Lehrer. Er fügt hinzu: „Ist die Main-Post inzwischen so arm dran, dass sie es sich nicht mehr erlauben kann, auf eine fast viertelseitengroße Farbanzeige zu verzichten, die meiner Meinung nach wenigstens gegen den guten Geschmack, wenn nicht sogar gegen Kinder- und Jugendschutz verstößt?“

    Also wende ich mich der kritisierten Abbildung zu, obwohl die Redaktion sie nicht zu verantworten hat. Ich gehe davon aus, dass sie nicht gegen bestehendes Recht, also auch nicht gegen den Jugendschutz verstößt und somit nicht pornografisch ist. Über den mir unbekannten Inhalt der angebotenen DVD mag ich nicht urteilen. Die inserierende Erotikfirma dürfte mit ihren einschlägigen Erfahrungen bei den Zeitungsbildern kaum über das Ziel hinausschießen.

    Als Rechtfertigung für die Veröffentlichung reicht das aber nicht aus. Die meisten Leser legen an eine Tageszeitung moralisch eben engere Maßstäbe an als solche, die durch Gesetze vorgegeben sind. Und das ist richtig so.

    Die Verantwortlichen unserer Anzeigenabteilung sehen das nicht anders. Leidvolle Erfahrung lehrt sie ohnehin, dass sie oft zur Zielscheibe von Vorwürfen werden, obwohl der Anzeigeninhalt vom Inserenten zu vertreten ist. Eine moralische Grenzlinie zu ziehen und zu überwachen, ist schwierig. Jeder Fall ist anders. „Moral predigen ist leicht, Moral begründen schwer“, hat schon Arthur Schopenhauer im 19. Jahrhundert philosophiert.

    Weil Moral auch ein Kind von Zeit und Gesellschaft ist, halte ich diese Anzeige für noch vertretbar. Bilder wie die von Gina Wild finden sich in Geschäftsauslagen ebenso wie in einer Reihe von anderen Publikationen. Einige TV-Sender und das Internet tun sich damit ebenfalls hervor.

    Leseranwalt
    Vor Kinderaugen lässt sich nicht alles verbergen. Deshalb bietet sich für Lehrer und Erziehungsberechtigte die Chance zur Auseinandersetzung mit Moral gerade über die Tageszeitung. Das ist eine Empfehlung, mit der ich aber die Anzeigenveröffentlichung nicht rechtfertigen will.

    Mit Geld ist Unmoral in der Zeitung jedenfalls nicht zu kaufen. Das heißt, es wurden bei der Main-Post öfter Anzeigen zurückgewiesen, deren Inhalt man nicht vertreten mochte. Bei den freizügigen Abbildungen der einstigen Kinderkrankenschwester Michaela Schaffrath – alias Gina Wild –, die sich mittlerweile als seriöse Schauspielerin versucht, wurde anders entschieden.

    Damit soll aber weder unserem Lehrer noch sonst einem Betrachter diktiert werden, dass sie ihre Anforderungen an guten Geschmack fallen lassen müssen. Oder, um es mit Goethe zu sagen: „Ich wüsste nicht, dass irgendeiner, der Lust hätte moralisch zu sein, verhindert würde.“

     

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