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    LESERANWALT

    Die "Kastelruther Spatzen" und die Banalität

    Kastelruther Spatzen
    Die Kastelruther Spatzen auf dem Bild zur Rezension ihres Konzertes in Würzburg. Der Autor meint, sie beherrschen die Kunst der Banalität. Das und mehr hat einer Leserin nicht gefallen. Foto: Fabien Gebert

    Frau B.S. gibt sich als ein Fan der "Kastelruther Spatzen" zu erkennen, der sich bereits vergangenes Jahr über den Konzertbericht geärgert hat, und für den nun aber (Zeitungsausgabe 29.3./siehe auch Fotos im Text) das Fass übergelaufen ist. Damit hat sie auch angesprochen, was nicht zum ersten Mal für Ärger sorgt: Volksmusik- oder Schlagerfreunde fühlen ihre Musik in Konzert-Nachbetrachtungen zuweilen nicht ernst genug genommen. Das bedarf einer redaktionellen Erklärung. Dafür nutze ich den angesprochenen Text.

     

    Objektiver Bericht erwünscht

    Aus dem Text folgert Frau B.S., der Autor könne mit Volksmusik nichts anfangen und scheine den Sinn der Lieder nicht zu verstehen. Sehr provokant sei schon die Überschrift („Die Kastelruther Spatzen beherrschen die Kunst der Banalität“). Und für sie als Besucherin des Konzerts im Würzburger CCW war die Stimmung jedenfalls sehr gut, was ihr auch andere Besucher bestätigt hätten.

    Frau B.S. und ihr Anliegen: Sachlich und objektiv berichten oder es sein lassen. - Meine Anmerkung dazu: So einfach geht das selten. Meist werden nach Konzerten Wertungen erwartet, von Lesern, vom Publikum und von den Künstlern selbst.

     

    Die Unterscheidung

    Für die Erklärung der Rezension habe ich den Redakteur, der sie geschrieben hat, zu Rate gezogen. Er ist im Gegensatz zu mir Musikkenner. Und er bezeichnet sich selbst als Volksmusik-Freund. Aber er legt gleich Wert auf eine Unterscheidung: Bei dem, was die Kastelruther in Würzburg geboten haben, handle es sich um volkstümliche Schlager, aber nicht um Volksmusik.

     

    Live ist wirklich live

    Wichtig war es, so hält der Autor fest, gerade in der Rezension des Konzerts der Kastelruther darüber zu informieren, dass die Band, die ihre Titel auf CD nicht selbst einspiele, live aber wirklich live sei. So auch in Würzburg. In den letzten Jahren habe das kein Spatzen-Kritiker der Main-Post geschrieben (Hier ein Beispiel aus 2016).

    Eine berechtige Begeisterung der Fans, die wird in der Rezension deutlich. Die stehe aber, so ihr Verfasser, nicht zwingend auch für musikalische Leistung. Beispielhaft verweise ich auf die schlechte Bewertung einer "volkstümelnden" Darbietung der Spatzen von Verdis "Va pensiero".

     

     

    Bericht Kastelruther Spatzen vom 29.3.
    So erschien der Bericht am 29.3.18 in der Zeitung. Einer Leserin hat er garnicht gefallen...
    Kastelruther Spatzen: Pressspan
    Die notwendige Berichtigung zur vorausgegangenen Rezension in der Zeitung...

     

    Die Erklärung

    Die „Kunst der Banalität“ in der Überschrift, die solle ausdrücken, dass es auch eine künstlerische Leistung ist, extrem Schlichtes mit Überzeugung derart konsequent zu verkaufen, erklärt der Autor. Dass das enormen Erfolg hat, steht im veröffentlichten Text, dem - wie ich meine - die nachvollziehbaren Erklärungen des Autors auch schon gut getan hätten. Das hätte die Transparenz erhöht. Denn bei Fans, wie unser Beispiel zeigt, konnten Missverständnisse auftreten.

     

    Wertungen der Autoren

    Ergänzen will ich in Sachen Journalismus: Konzert-Rezensionen können nie objektiv sein, sollen sie auch nicht. Sie sind Wertungen ihrer Autoren. Die geben ihren Beiträgen gerne eigene Kreativität mit. So können Rezensionen selbst ihre Leser noch einfallsreich unterhalten – dennoch seriös. Grundsätzlich bleiben sie dabei aber Meinungsbeiträge. Fakten freilich, die müssen – wie der Blick in die Vergangenheit der Kastelruther – korrekt wiedergegeben sein.

     

    Für Fans gewöhnungsbedürftig

    Zugegeben, "Banalität" ist nicht unbedingt positiv belegt, im vorliegenden Beispiel für manche Fans also gewöhnungsbedürftig. Und auch ich meine, in einzelnen Sätzen der Rezension einen Hauch von Überheblichkeit erkennen zu können, etwa im Hinweis auf die Bühnenromantik "in handelsüblichem Pressspan", der später vom Veranstalter korrigiert und als "hochwertiges Glasfasermaterial" bezeichnet wurde. Oder im durchaus anschaulichen Vergleich: „…die Atmosphäre liegt irgendwo zwischen Weinfest, Bierzelt und Tanzboden.“

    Wie sie auch immer empfunden werden: Gerade solche vergleichenden Sätze sind zulässige und verständliche Bewertungen. Das gilt auch für die Passage, die es als Kunst beschreibt, die Grauen des Ersten Weltkrieges, die die Südtiroler ertragen mussten („Die Tränen der Dolomiten“), zur Banalität werden zu lassen. Darin darf man auch Kritik erkennen.

     

    Förderliche Auseinandersetzung

    Die Erfahrung sagt: Stark individuell geprägte Stilformen bringen es mit sich, dass sich Kritiker danach häufig selbst mit Kritik auseinandersetzen müssen. Das schadet nicht, kann sogar nützlich und förderlich sein. Deshalb ist die Zuschrift von Frau B.S. wichtig.

    Frühere Leseranwalt-Kolumnen zum Thema:

    "Zeitungsleser sind keine Besucher einer Kleinkunstveranstaltung" (2011)

    "Konzert-Mitwirkende ärgern sich über Worte der Kritik" (2010)

    "Bevor Sie sich über eine kritische Konzertbesprechung ärgern, sollten Sie das gelesen haben" (2014)

    Anton Sahlender, Leseranwalt. Siehe auch www.vdmo.de

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