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    LESERANWALT

    Die Reichweite von Lokalpatriotismus im Sportjournalismus

    Aufstiegsfeier Kickers
    Tausende Menschen feierten in der Eichhornstraße in Würzburg die Kickers. Die Mannschaft hatte mit einem Sieg in der Relegation gegen Duisburg den Aufstieg in die 2. Bundesliga klargemacht. Das ist Berichterstattung über einen Empfang aber kein Fanjournalismus vor dem der BJV warnt. Foto: Daniel Peter
    Würzburg hat sportliche Erfolge gefeiert. Würzburg ... ? Seriös schreibe ich lieber, ungezählte Sportfreunde in und um die Stadt waren und sind zum Saisonende zufrieden, manche begeistert. Die s.Oliver-Baskets haben bis in die Play-Offs der Bundesliga mitgespielt und die Rimparer Wölfe die 2. Handball-Liga (meist in Würzburg) gesichert. Und dann folgte der bundesweit beachtete Aufstieg der Kickers in die 2. Fußballbundesliga. König Fußball, der Publikumsmagnet, hat dadurch alle anderen noch in den Schatten gestellt. Unterm Strich heißt das aber für viele Verantwortliche in der Stadt: Würzburg ist wer im Lande.
     

    Am Ball geblieben

    Die Erfolge und die Begeisterung von Anhängern, von Publikum und von Verantwortlichen wurden regional verbreitet, vom Spessart bis in den Steigerwald, von der Tauber bis in die Rhön. Wenige Male geschah das in der Zeitung sogar seitenweise in Text und Bild. Auch digital, auf mainpost.de, wurde kaum eine Spielart möglicher Darstellung ausgelassen. Sehenswerte Videos sind entstanden. Die Main-Post blieb im wahrsten Sinne des Wortes am Ball – aktuell und ausführlich. Und ihre Angebote wurden digital stark genutzt. Was will man mehr? - Oder war das für einige Sportfreunde mancherorts etwa zu viel des Guten? Die eine oder andere Kritik ließ das erkennen.
     

    BJV: Distanz wahren

    Was man journalistisch nicht will, hat zumindest der Bayerische Journalistenverband (BJV) aktuell verdeutlicht: „Bitte kein Fanjournalismus!“ Seiner Ansicht nach sollten Medienhäuser zu Profisportvereinen Distanz wahren. Der Sportjournalismus dürfe nicht zu einem undistanzierten Fanjournalismus mutieren. Nichts wendet der BJV aber gegen die lokalpatriotische Unterstützung von Sportvereinen ein. Ich füge dem hinzu, dass es Sportjournalisten schon immer gerne gesehen haben, wenn örtliche Vereine überregional Beachtung fanden. Darin sahen sie allemal die Bedeutung der eigenen Arbeit gewachsen. Dennoch: Sie können mit Siegen und Rekorden nicht umgehen, als wären es die ihren. Ich vermag freilich eine solche Anmaßung nicht zu erkennen. Ich schreibe das eher vorbeugend.
     

    Die Trennungslinie

    Nun darf man sich als Journalist ebenso wie als Leser fragen, wo hört Lokalpatriotismus auf und wo fängt Distanzlosigkeit an? Und kann Lokalpatriotismus nicht auch Proficlubs vor Ort gelten? Ich meine, "Ja".
    Warum sollte in Würzburg nicht möglich sein, was rund um alle Bundesliga-Vereine passiert - angefangen vom FC Bayern, über Dortmund bis hin zum Zweitligisten FC Nürnberg?

    Dabei ist zweifellos zu beachten, dass es in manchen Städten, auch in Unterfranken, Vereinbarungen des Wirtschaftsunternehmens Tageszeitung mit Proficlubs gibt, sozusagen von Unternehmen zu Unternehmen. Wer wollte das noch verbieten? Der Markt lässt das zu?
    Redakteure müssen vor diesem Hintergrund natürlich eine ebenso strenge Trennung beachten, wie sie gegenüber allen Unternehmen gilt, die in ihrem Medium werben. Hier gilt der Pressekodex. Das heißt, Berichterstattung und Kommentierung über Vereine, Sport, Sportler und Vereinspolitik, die haben davon unbeeinflusst, also unabhängig zu bleiben. Diesem Grundsatz ist größte Aufmerksamkeit zu schenken.
    Dank der Redaktion an sOliver-Baskets...
    Unnötig: Redaktioneller Dank an eine erfolgreiche Profimannschaft. Lob sollte man journalistisch anders ausdrücken.


     

    Die Sportfreunde in den Redaktionen

    Sportjournalisten sind in aller Regel natürlich auch selbst große Sportfreunde. Aus eigener Begeisterung über Erfolge, die sie journalistisch begleiten, darf ihre Arbeit nicht mit dem Auftritt von Fans gleichzusetzen sein. Deren Begeisterung aber, die dürfen sie durchaus transportieren, sowohl im Zeitungsjournalismus als auch dem in der digitalen Welt, in Beiträgen auf mainpost.de.  Wenn die Redaktion in einem flott gemachten Video eine Mannschaft beglückwünscht und noch Danke sagt für Erfolge der Profis , möchte man das nur ausnahmsweise verzeihen, angesichts einer sonst überwiegend lebendigen, aber untadeligen Berichterstattung. Lob sollten Journalisten anders ausdrücken, etwa in ihren Kommentaren.
     

    Die anderen Erfolge

    Der Vollständigkeit halber sei festgehalten, dass natürlich über andere Erfolge landauf, landab im Verbreitungsgebiet von der Main-Post ebenfalls berichtet worden ist. Dazu gehören unter anderem Schwimmen, Leichtathletik, Wasserball und auch andere Fußballvereine, etwa der FC Schweinfurt 05. Ich bitte um Nachsicht, dass ich nun gewiss vieles übersehen habe. Aber alles andere fiel eben gegenüber den überraschenden sportlichen Aufschwung in der Bezirkshauptstadt, vor allem dem der Kickers, mitunter deutlich bescheidener aus.

    Undifferenzierte Umfrage
    Eine undifferenzierte digitale Umfrage auf mainpost.de. Die Redaktion bedient sich der Fan-Sprache.
    Umfrage-Zwischenergebnis Kickers
    Zwischenergebnis der digitalen Umfrage, kurz bevor sie aus mainpost.de genommen wurde. Ein Ergebnis ist ohne große Bedeutung, die Umfrage zu undifferenziert.

     

    Vom Fieber gepackt?

    Eine missglückte digitale Umfrage zu „Kickers in der 2. Liga“ konnte leider kein Licht in regionale Zustimmung und Ablehnung bringen. Die Redaktion wollte wissen: „Hat Sie das Würzburg-Fieber gepackt?“ Abgestimmt werden konnte nur undifferenziert über die Alternativen: Aber sicher... „nie mehr dritte Liga! Und: Nein, interessiert mich überhaupt nicht! Deutlich mehr als 2500 User haben trotzdem Antworten geklickt. Die überhaupt nicht interessierten User waren leicht in der Überzahl. Vielleicht deshalb, weil sich die Mehrheit vom Fan-Fieber ebenso wenig packen lassen wollte, wie es stets einem guten Sportjournalismus zu wünschen ist. Aber dem lässt sich diese Umfrage schwerlich zuordnen.

    Anton Sahlender, Leseranwalt

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