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    LESERANWALT

    Eine Hoffnung: Sensationslüsterner Journalismus hat keine Zukunft

    Polizeiabsperrung - Symbolik wider Sensations-Journalismus
    Foto: Michael Czygan
    Vorwiegend Zweifel, Fragen und Hoffnungen sind es, die mich oft umtreiben. Ich lasse Sie teilhaben. Zunächst frage ich ganz grundsätzlich:
    Müssen Journalisten rücksichtsvoller mit ihrer Leserschaft umgehen?
    Treibt sie Sensationslust zu sehr um?
    Wer die als Beispiele ausgewählten folgenden Beiträge nicht mehr lesen möchte, sollte die Verlinkungen dazu nicht anklicken.

    Die negative Überschrift

    Auf der Titelseite der Zeitung von Samstag, 19. Dezember, aber auch online erschien ein Beitrag mit der Überschrift:

    „Jeder Zweite erkrankt an Krebs“.

    Die Unterzeile zur Überschrift gibt aber preis, dass die Überlebenschancen bei Krebserkrankungen gestiegen sind. Ein Leser schrieb mir dazu unter anderem:

    „… jeder ihrer verehrten Leser muss ich nun doch nach ihrer Weihnachtsmeldung als Kandidat für eine schreckliche Krankheit sehen. Soweit zum Thema Feingefühl und Einfühlungsvermögen…“

    In diesem Beitrag vom 19.12. - das sei betont - ist alles korrekt dargestellt. Meine Frage lautet deshalb:
    Ist es wichtig, die Statistiken des Zentrums für Krebsregisterdaten am Robert-Koch-Institut in Berlin so prominent zu präsentieren und hätte es dieser belastenden Überschrift bedurft? Siehe auch Kodex Presserat, Ziffer 14.
    Den ersten Teil der Frage kann man relativ leicht mit "ja" beantworten. Als Überschrift wäre bei diesem sensiblen Thema aber die positive Entwicklung bei Erkrankungszahlen und die notwendige Vorsorge besser geeignet gewesen.
    Nachfrage: Steckt hinter dieser erschreckenden Überschrift gar Sensationslust? Das unterstelle ich nicht. Es könnte aber Einflüsse geben, die eine Rolle gespielt haben. Darauf komme ich zurück.

    Die Verbrechensschilderung

    Die ganze Seite „Das Thema“ am 22. Dezember 2015 ist mit

    „Beziehungsdrama in Vorstadt-Idylle“

    überschrieben. Recht detailliert wird im Text die Mordtat an drei Menschen beschrieben - das alles in dieser Idylle. Journalisten haben mit Nachbarn geredet und schließlich einen Postmann gefunden, der ihnen seine Gefühle zur Veröffentlichung mitgegeben hat:

    „So etwas Schreckliches drei Tage vor Weinachten. Das ist einfach nur traurig.“

    Auf eine Bewertung dieses Satzes verzichte ich. Stattdessen frage ich wieder: Muss eine solche Tat so detailliert geschildert werden? Hätte nicht etwas weniger gereicht? Ist es für das Verständnis des schrecklichen Geschehens wichtig, Nachbarn zu befragen, die sich an nette Menschen aus ihrer Nähe erinnern? Wird so pure Neugierde oder gar Sensationslust bedient?
    Ich unterstelle auch hier nur beste journalistische Absicht. Aber es könnte ebenfalls Einflüsse geben, die eine Rolle für diese Inhaltsgestaltung spielen.

    Was der Wissenschaftler gefragt wird

    „Würzburger Suizidforscher vermutet Kränkung oder Rache als Motiv“, so ist der aufklärende Artikel zum Dreifachmord auf dieser Themen-Seite vom 22.12. überschrieben. Gut, dass ein Wissenschaftler zu Wort gekommen ist. Über den vorliegenden Fall erfährt man dadurch, dass es sich um einen Mord- oder Rachesuizid gehandelt haben kann. Und man liest von Einschränkungen, die es für diese Einschätzung gibt. Informative Statistiken folgen, dazu die Erkenntnis, dass bei strengeren Waffengesetzen die Siuzid-Zahlen zurückgehen. Die Weihnachtszeit, das ist angefügt, kommt wohl nicht als Auslöser für die Tat in Frage. Dieser Beitrag beweist die gute journalistische Absicht.
    Antwort auf die Frage, warum die Journalisten die Tat, bei der sich doch auch um einen Mord- oder Rachesuizid (Pressekodex Richtlinie 8.7) handeln könnte, so ausgebreitet haben, gibt der Wissenschaftler nicht. Er ist danach nicht gefragt worden. Warum eigentlich nicht? Rechtfertigt das aufschlussreiche Gespräch mit dem Wissenschaftler die Ausführlichkeit der über seinen Erklärungen stehenden Tatschilderung trotzdem? Hintergrund für diese Nachfrage ist stets die erwiesene Wahrscheinlichkeit von Nachahmungstaten nach Suiziden und Berichten darüber.

    Starke Nutzung von Berichten über Verbrechen

    Ich wiederhole also die Frage: Sensationslüstern oder nicht (siehe auch Pressekodex)? Erklärungen dafür und Antworten darauf können sich darin finden, dass derartige Beiträge auffallend stark genutzt werden. Das gilt durchgängig für Verbrechen, Unglücksfälle, Skandale. Das Internet misst deren starke Nutzung und zeigt sie untrüglich an. Die Beobachtung des Nets lässt zudem jene Merkmale und Schlüsselworte erkennen, welche die Reichweite eines Beitrages erhöhen. Und die große Menge der Zugriffe, die verstärkt aus den sozialen Netzwerken heraus, in denen die Beiträge ebenfalls angeboten worden sind, auf mainpost.de erfolgen, werden zur Bestätigung.
    Aber müssen Journalisten diese Merkmale zu Kriterien für ihre Arbeit machen? Reichweite, die Hoffnung auf Wirtschaftlichkeit macht, wird jedenfalls vermehrt gewünscht, damit unweigerlich zum Bestandteil  journalistischen Bewusstseins. Das kann noch nicht einmal alleine kritisch gesehen werden. Sehr oft spricht Reichweite auch für Qualität des Journalismus. An dieser Qualität, die auch im Net Reichweite erzielt, erkennt man, wo eine wünschenswerte Zukunft der Journalistmaus liegen kann. Aber massenhaft Klicks auf Beiträge sind nicht dagegen wenig wert und oft ein schlechtes Zeichen. Hier werden sie als Rattenrennen eingeordnet.

    Nutzung macht das Angebot

    Dennoch gibt es eine Wechselwirkung. Wenn es Leser selbst sind, die Sensationslüsternheit pflegen und bevorzugen, dann rufen sie damit auch ein verstärktes Angebot hervor. Das beschleunigt insgesamt eine Entwicklung, die vor Inhalten der gedruckten Zeitung nicht Halt macht. Das Streben nach Reichweite lebt - mindestens im journalistischen Unterbewusstsein. Hat deshalb niemand die schockierende Krebsüberschrift gestoppt? Hat das die auffällige und detaillierte Präsentation der Mordtat nicht verhindert? Das sind Fragen, die sich vor allen Dingen Journalisten vermehrt selbst stellen müssen. Und sie müssen streng darauf achten, dass die Gesetze der Reichweite noch den nötigen Raum lassen für Einfühlungsvermögen, also für die unverzichtbare Ethik im Journalismus. Hier gibt es eine wesentliche Schnittstelle, die größte Aufmerksamkeit verdient, weil ihre Bedeutung wächst.

    Die anderen Inhalte

    Die Aufmerksamkeit ist wichtig, weil bei der fortwährenden Suche nach der Zukunft des Journalismus keine Werte verloren gehen dürfen.  Auch nicht bei der damit verbundenen Suche der Medienhäuser nach stabiler Wirtschaftlichkeit für das journalistische Angebot.

    Die beiden hier aufgezeigten und auch andere ähnliche Beispiele müssen nicht überbewertet werden. Ich denke und hoffe nicht, dass der Journalismus daran zugrunde geht. Das hier soll nämlich keine Schilderung eines Niedergangs gewesen sein, sondern ein warnender Verweis auf Problemstellen. Dazu habe ich die vorstehenden Beispiele genutzt.
    Noch immer zeigen Journalisten gute Rechercheleistungen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Das ist meist seriös. Leser und Nutzer bekommen somit noch oft gute, wichtige und wertvolle Inhalte angeboten, solche, die nicht auf das Ausbreiten von Mord und Sensation gründen müssen. Gelegentlich mache ich auch auf solche Artikel aufmerksam.

    Anton Sahlender, Leseranwalt

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