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    Leseranwalt

    Erkennen Sie, was Nachrichten mit ihrem Gehirn machen

    Ein Buch, das in der täglichen Informationsflut zur Selbsterkenntnis verhilft. Es ist auch für Journalisten mehr als ein Lehrwerk.
    Eine Buchempfehlung für Menschen, die Medien bewusster nutzen möchten. Maren Urner: Schluss mit dem täglichen Weltuntergang. Foto: Repro Anton Sahlender

    Es wird Sie überraschen, was die Informationsflut, die täglich über Sie hereinbricht tatsächlich mit Ihnen macht. Das zu erfahren ist heilsam. "Schluss mit dem täglichen Weltuntergang" heißt das kluge Buch (Droemer-Verlag), das ich deshalb der Leserschaft, besonders aber Journalisten ans Herz lege.   

    Die Autorin Maren Urner, Neurowissenschaftlerin, vermag Leser*innen demütig und voller Selbsterkenntnis zu hinterlassen. Sie weist schlüssig nach, dass die aktuelle Dauerbeschallung mit schlechten Nachrichten krank machen kann. Sie zeigt, wie die moderne Nachrichtenwelt auf die Psyche wirkt, lässt erkennen, was unsere Gehirne und Gewohnheiten darüber mit uns machen und wie wir dabei lernen, hilflos zu sein.

    Verkaufte Aufmerksamkeit

    Die wildesten Geschichten über Mord und Totschlag, Kriege und Skandale, Ehebrüche und Intrigen verkaufen sich nach wie vor am besten. Nur was nicht funktioniert hat Nachrichtenwert. Urner macht deutlich, dass wir dafür auch dafür eine wichtige Ressource, unsere Aufmerksamkeit, häufig unter Wert verkaufen. Das sollte nicht so bleiben. 

    Das Buch wird seinem Titel gerecht. Für Journalisten ist es ein Lehrwerk für konstruktiven Journalismus. Der soll nicht mit einem negativen Weltbild gestresst und hilflos zurücklassen, stattdessen ein realistisches bieten. Lösungsorientiert soll er sein, der Journalismus, den übrigens auch diese Zeitung anstrebt. Den wünschen sich 76 Prozent der Befragten in Deutschland, schreibt Urner.

    Einen Satz des Psychotherapeuten Steve de Shazer stellt sie heraus: "Das Reden über Probleme schafft Probleme, das Reden über Lösungen schafft Lösungen." Aber Menschen durch Journalismus hoffnungsvoll und positiv gestimmt hinterlassen, bedeute, dass sie sich daran länger erinnern, sich mehr auf Gemeinsamkeiten besinnen, kreativer sind, Probleme besser lösen, sich sozialer verhalten, aktiver und gesünder leben.

    Keine Schönfärberei

    Nein, es gehe nicht um Schönfärberei, Wohlfühljournalismus und keinesfalls um Schwarz-Weiß-Malerei, die Themen auf nur zwei Seiten verkürzt. Urner bietet Argumente für eine Ehrlichkeit, die Grautöne nicht auslässt und Grenzen erkennen lässt.

    Leser des Buches können sich und ihr Gehirn kennenlernen, zumindest wenn sich letzteres nicht mit Erfolg gegen Fakten verteidigt, die mit der eigenen Identität kollidieren. Das legen wissenschaftliche Studien nahe. Wahrscheinlich picken Sie sich dann lieber Rosinen heraus, die ins eigene Weltbild passen. Und dennoch werden Sie sich danach selbst kritisch hinterfragen. 

    Maren Urner und konstruktiver Journalismus, siehe auch Pespective Daily

    Anton Sahlender, Leseranwalt. Siehe auch www.vdmo.de

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