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    LESERANWALT

    Fette Beute der Einbrecher wird in einer Überschrift zur Belastung für die Geschädigten

    Symbolbild Einbruch
    Symbolbild Einbruch Foto: Silvia Marks (dpa-tmn)
    Meldungen von Polizeieinsätzen werden von deren Pressestelle an die Medien gegeben. Die verbreiten sie dann als Polizeimeldungen. Schließlich sind Journalisten selten selbst vor Ort. Von der Polizei übernommene Berichte ändern aber selten etwas daran, dass Redaktionen für das verantwortlich bleiben, was sie über Unfälle oder Straftaten veröffentlichen. Das gilt, obwohl die Polizei als zuverlässige Quelle betrachtet werden darf. Sie käme nur in die Verantwortung, würde sie falsche Informationen herausgeben.

    Die Tücke einer Information

    Dass aber in dem, was dann von der Zeitung verbreitet wird, Tücken stecken können, zeigt das folgende Beispiel einer Veröffentlichung:
    Zeugen werden für einen Einbruch gesucht. Die Täter sind beschrieben. Im Text ist eine Größenordnung der Beute beziffert - vorwiegend Schmuck. Genannt ist die Straße in einer nicht sehr großen Gemeinde, in der das Haus steht, in das die flüchtigen Täter eingebrochen sind. Und in der Überschrift, die in der Redaktion entstand, heißt es: „Einbrecher machten fette Beute“.
    In dieser Überschrift steckt eine Bewertung, über die sich streiten lässt. Denn darüber, ab wann eine Beute beginnt, „fett“ zu sein, gibt es unterschiedliche Vorstellungen. Daraus wird hier ein Problem.

    Aufmerksamkeit heischend

    Für manche Bewohner des Ortes war selbst ohne Nennung der Hausnummer nämlich identifizierbar, wer da vermutlich bestohlen wurde. So durfte sich die Frau des Hauses, die selbst nicht der Meinung ist, dass sie übermäßig teuren Schmuck ihr eigen nennen konnte, mit einer Menge unangenehmer Bemerkungen in der Öffentlichkeit herumschlagen. Das musste nicht sein. 
    Ich halte fest, dass die wertende Überschrift über eine nüchterne und korrekte Nachricht unpassend ist. Die „fette Beute“ ist Aufmerksamkeit heischend. Das wiederum belastet nun ausgerechnet die Geschädigten. 

    Kultur der Kritikfähigkeit

    Themenwechsel: Es ist schlecht, wenn Journalisten Fehler machen, aber dann doch positiv, wenn sie die ehrlich eingestehen und sich dafür entschuldigen.
    Gutes Beispiel: Mittwoch, 30. Juli, stand in eigener Sache unter der Überschrift „Redaktion wollte keine Straftaten bagatellisieren“, eine Entschuldigung dafür, dass genau das unabsichtlich passiert war, und zwar am 28. Juli im Bericht  „Mainstockheim soll zur Ruhe kommen“,.

    Derartige Klarstellungen fallen derzeit in Medien besonders auf. In den sozialen Netzwerken werden sie fast wie Offenbarungen verbreitet. Denn solche offenen Fehler-Eingeständnisse gab es in dieser Deutlichkeit früher nicht so häufig. Der Journalismus, der verstärkt in der Kritik steht, ist dabei selbst wesentlich kritikfähiger geworden. Nun sieht man klare Zeichen für mehr redaktionelle Transparenz. Es ist eben auch eine journalistische Kultur, anerkennen zu können, dass man nicht ständig perfekt sein kann und auch dafür, dass es meist mehr als nur eine Möglichkeit gibt, Ereignisse zu darzustellen.
    Erklärungen zu Fehlern kennzeichnen folglich einen Trend hin zu transparenteren Medien. Wer Fehler macht, sollte erkennen lassen, dass er alles ihm Mögliche getan hat, um sie zu vermeiden. Wer Fehler verschweigt, erzeugt Misstrauen. Und darunter leiden Medien derzeit wahrhaftig genug.


    Anton Sahlender, Leseranwalt

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