• aktualisiert:

    LESERANWALT

    Journalistische Wahrhaftigkeit und Gott

    Wenn Gläubige zu Gott finden, so ist das eine gebräuchliche spirituelle Aussage. In Person finden sie Gott nicht. Archivbild aus Gemünden. Foto: A.Wolz

    Aus einer Passage zur Überschrift über ein Interview entsprang unter Journalisten eine nicht uninteressante kontroverse Diskussion. War doch im Würzburger Lokalteil zu lesen: „14 Jahre saß er im Gefängnis, beschäftigte sich mit Religion und fand schließlich zu Gott“ (27.3.). Kopie des gesamten Interviews am Ende des Textes.

     

    Was wir nicht wissen

    Ausgangspunkt der Auseinandersetzung war die kritische Feststellung eines Kollegen, „was nicht existiert, kann man nicht finden.“ Und: „wir wissen nicht, ob der Mann <...> ´zu Gott gefunden‘ hat, weil wir nicht wissen, ob es diesen Gott gibt.“ Das „zu Gott finden“ werde nicht einordnend in Anführungszeichen gesetzt, sondern als gegeben behandelt. Da fehle journalistische Distanz.

     

    Keinem Beweis zugänglich

    Um zu solcher Kritik zu gelangen, muss man nicht Atheist sein. Formal ist sie gut zu verstehen. Ist doch Journalismus der Wahrhaftigkeit verpflichtet. Niemand vermag mit seiner Recherche die reale Existenz eines Gottes nachweisbar zu ermitteln. Somit wird wohl kein Medium behaupten, dass es Gott gibt. Das ist keinem Beweis zugänglich. Die Bibel kann den Anforderungen an einen Beweis nicht gerecht werden.

     

    Gesamte Ungewissheit

    „Zu Gott finden“ ist eine häufig gebrauchte Formulierung. Sie lässt erkennen, dass jemand nun an Gott glaubt. Das signalisiert dessen persönliche Haltung. Die enthält somit nicht einmal implizit die Tatsachenfeststellung und nicht den Nachweis, dass dieser Gott existiert. "Glauben" heißt eben auch "nicht wissen". Dabei lässt sich die nicht gegebene Faktenlage keinesfalls durch das Argument verbessern, dass umgekehrt auch niemand zu beweisen vermag, dass es keinen Gott gibt. Das unterstreicht die gesamte Ungewissheit noch.

     

    Entscheidung des Wilhelm Buntz

    Zu entnehmen ist dem Interview, das zur Lebensgeschichte des Wilhelm Buntz geführt wurde, die Aussage, dass er nach einer kriminellen Laufbahn beim Lesen der Bibel entschieden hat, mit Gott zu leben. Oder: Er will sogar „Gott herausgefordert“ haben, u.a. mit der Forderung, „du musst stärker sein als ich“. Und Gott, so der geläuterte Interviewte, habe ihn nicht aus dem Gefängnis geholt, um einen Zuhälterkönig zu bewachen, was Buntz wohl einige Zeit wirklich getan hat.

     

    Nachweisbarer Weg

    Soweit er Buntz betrifft, ist der beschriebene Weg nachweisbar. Nicht aber, dass da wirklich Gott gelenkt hat. Das ist spirituell zu verstehen. Die Worte zeigen Buntz‘ religiöse Geisteshaltung, die eben seinem Glauben entspringt. Die kritisierte Passage ist dabei klar alleine auf ihn bezogen.

     

    Überflüssige Gänsefüßchen

    Ja, man hätte stattdessen schreiben können, was der kritische Kollege für besser hält, dass Buntz nun religiös geworden ist. Aber das würde dessen Überzeugung, wie sie sich aus dem Gespräch ergibt, nicht so treffend beschreiben. "Gänsefüßchen“ für das "zu Gott finden", könnten sogar signalisieren, dass Offenheit und Läuterung in Zweifel zu ziehen sind, obwohl es dafür keine Anzeichen gibt. Für eine Geisteshaltung, die sich aus dem Kontext ergibt, erscheinen sie mir zudem überflüssig.

    Hier die digitale Fassung des Interviews angklicken: "Wie Herr Buntz die Bibel rauchte und zu Gott fand".

    Ähnliche Leseranwalt-Kolumnen:

    "Kampagne gegen die römisch-katholische Kriche oder die Bestrafung der Überbringer schlechter Nachrichten" (2010)

    "Die Vergebung und der Journalismus" (2015)

    "Ein Christ, der Glaubensinhalten bibelkonform haben will" (2008)

    Anton Sahlender, Leseranwalt. Siehe auch www.vdmo.de

    Im Gefängnis die Bibel geraucht. Ausgabe WÜ 27.3.2019
    Das Interview mit der Überschrift, nach der Wilhelm Buntz zu Gott gefunden hat. Erschienen auf der Würzburger Lokalseite am 27. März 2019.

     

    Weitere Artikel

    Kommentare (0)

    Anmelden