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    Kandidaten vor der Wahl im Porträt: Überschriften sollten eine klare Linie erkennen lassen

    Der Wahltermin rückt näher. Die Sensibilität der Kandidaten wächst, ebenso die ihrer Anhänger. Also muss das auch für Redaktionen gelten. So werde ich auf die Überschrift zu einem Kandidatenporträt (2.8., Würzburger Lokalteil) gestoßen: Anwalt der kleinen Leute. Ein Kritiker schreibt mir: „Abgesehen davon, dass sich wahrscheinlich jeder Politiker im Wahlkampf als Anwalt der kleinen Leute sieht und dies somit über jedes Porträt geschrieben werden könnte, ist dies doch eine ziemliche Wertung.“

    Ich widerspreche nicht, auch wenn die Unterzeile zur Überschrift den Beitrag weiter erschließt: Kandidaten im Porträt: Paul Lehrieder (CSU) tritt zum dritten Mal bei der Bundestagswahl an. Und am Ende wird erklärt: In den kommenden Wochen stellen wir Ihnen die Direktkandidaten der im Parlament vertretenen Parteien vor. Alle bisher erschienenen Porträts zum Nachlesen: www.mainpost.de/kandidaten-wuerzburg.

    Porträts wollen Lesern, hier Wählern, Kandidaten nicht nur als Politiker näherbringen. Journalisten geben deshalb ihre Eindrücke wieder. Also werden sie als Autoren stets namentlich genannt. Im vorliegenden Fall bemüht sich der Autor, den Menschen hinter dem Kandidaten zu zeigen. Ohne Subjektivität kann das nicht gelingen. Die ändert nichts an der Unabhängigkeit einer Redaktion, wenn sie Konkurrenten gleichermaßen unter die Lupe nimmt. Journalisten müssen sich nicht alleine auf Fakten und den tabellarischen Lebenslauf beschränken, der zu dieser Serie ebenfalls gehört. Sie dürfen, ja sie sollen auch im Wahlkampf den Lesern ihre Eindrücke vermitteln.

    Anwalt der kleinen Leute kommt im Porträt-Text nie wörtlich vor. Nur der Zusammenhang lässt darauf schließen. Aber der Kritiker betont, dass eine solche Wertung nicht in die Überschrift gehört. Hat er recht, weil die nackte Überschrift zur Tatsache macht, was nur Einschätzung ist? Oder muss man den Beitrag in seiner Gesamtheit bewerten und kann damit die Überschrift begründen? Und philosophieren darf man noch darüber, ob „Anwalt der kleinen Leute“ bereits Wertung ist. Gibt es doch gute und schlechte Anwälte.

    Dennoch ist die Überschrift unglücklich: Im Vergleich der Serie erkenne ich keine Linie. Über Rosenthals Porträt (SPD) steht trocken: Georg Rosenthal: Aus dem Rathaus in den Landtag? Bei Wolfgang Kuhl (FDP) heißt es wieder emotional: Ein unerschütterlicher Optimist.

    Überschriften dieser Zeitung werden die bevorstehende Wahlentscheidung freilich nicht verändern. Hoffen darf man zumindest, dass die gesamte Porträt-Serie zu einer guten Wahlbeteiligung beiträgt.

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