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    LESERANWALT

    Leseranwalt: Corona erfordert sensiblen Sprachgebrauch

    Eine Umfrage zu Hamsterkäufen, durch die sich Teilnehmer*innen beleidigt fühlen konnten.
    Ein leergeräumtes Regel für Toilettenpapier. Aufgenommen am 19.03.2020 in Leipzig. Angesichts überflüssiger Hamsterkäufe lassen sich manche Zeitgenoss*innen zu einer beleidigenden Wortwahl hinreißen. Diesen Sprachgebrauch sollten seriöse Medien nicht übernehmen.  Foto: Jan Woitas

    Zuweilen erfasst Menschen angesichts der Corona-Krise gerechter Zorn, wenn andere wenig verantwortlich handeln. Darüber vergreifen sie sich schon mal im Ton. Der Journalismus jedoch, der sollte sich gerade jetzt dazu nicht hinreißen lassen, selbst wenn er deutlich werden muss.

    Aber Leser R.M. hat mich mit einem schlechten Beispiel konfrontiert, erschienen auf der Leserseite der Zeitung vom Samstag, 14. März (Kopie am Ende des Textes). Es war das Ergebnis einer nicht repräsentativen Leserumfragen, an der nur Online-Nutzer*innen teilnehmen können. Digital abgefragt war: „Hamstern Sie auch schon fleißig Nudeln & Co.?“. Als eine der Antworten war redaktionell unter anderem vorgegeben: „Nein, ich finde das schwachsinnig“.

    Unverschämtes Angebot

    R.M. verärgert: „Ich lasse mich nicht schwachsinnig – lt. Wörterbuch 'geistig behindert‘ – titulieren, nur weil ich vorausschauend handele und mir eine überschaubare Anzahl an Vorräten zulege.“ Kurzum: R.M. findet dieses Angebot einer Antwort unverschämt. Das passe zur allgemeinen Sprachverrohung, die seit dem Auftauchen der unseligen AfD immer mehr um sich greife und offensichtlich nun dieses Blatt erreicht habe.

    Ich stimme Herrn R.M. im Hinblick auf das redaktionell angebotene „schwachsinnig“ zu. Das hat in einer seriösen Umfrage nichts zu suchen. Angemessen wäre gewesen, „ist unnötig“, „finde ich falsch“, „sollte man unterlassen“ oder „unverantwortlich“. Wer aber eine „schwachsinnige“ Handlung zur Auswahl anbietet, kann sich die Umfrage gleich ersparen.

    Nicht erkennbarer Kontext

    Wie kam es trotzdem dazu? Die digitale Umfrage war auf mainpost.de direkt an eine Glosse geknüpft (siehe Link am Textende). Diese Stilform ist bekanntlich eher heiter bis witzig. Dieser Kontext  war für Zeitungsleser*innen nicht dargestellt, folglich nicht erkennbar.

    Eher semantisch war eine andere Erklärung aus der Redaktion: Abgefragt sei doch nur die Wahrnehmung der Leser*innen für eine Handlung. Die Kritik daran würde zutreffen, wäre gefragt worden: "Nein, alle Hamsterkäufer sind schwachsinnig".

    Dem halte ich entgegen, dass es die angebotene Schwachsinn-Antwort zulässt, dass sich jene, die für "Ja, die Speisekammer ist gut gefüllt", abgestimmt haben, persönlich beleidigt fühlen können. Mit Schmähungen ist man in den Netzwerken des Internets eben schnell bei der Hand, vor allem beim Anblick der von Toilettenpapier ausgeräumten Discounter-Regale. Die sollten nicht in Beiträge eines seriösen Mediums überspringen.

    Ausnahmesituation

    Wir befinden uns in einer für unsere Gesundheit zuvor so nie dagewesenen Situation. Das geschilderte Beispiel ist eine Ausnahme in der Berichterstattung und Kommentierung. Sie können davon ausgehen, dass Sie in dieser Zeitung jederzeit sensibel und verantwortlich informiert werden. Dafür stehen zahllose dankbare Zuschriften, welche die Redaktion derzeit erreichen.

    Hier zur Glosse mit digitaler Umfrage: "In Würzburg herrscht Endzeitstimmung am Nudelregal"

    Hier zur täglich aktuellen Corona-Berichterstattung: Alle Corona-Artikel

    Das sagt der Pressekodex zur Medizin-Berichterstattung: Ziffer 14, Medizin-Berichterstattung

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    Ergebnis einer digitalen Umfrage. Dargestellt in der Main-Post vom 14.3.2020. Das sieht eine Leser kritisch. Foto: Repro Sahlender

    Anton Sahlender, Leseranwalt. Siehe auch www.vdmo.de

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