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    Würzburg

    Leseranwalt: Überzeugen Sie ihre Lokalredaktion

    Die Geschichte vom nicht alltäglichen Berufsweg des Landrat-Chauffeurs muss nicht einmalig bleiben
    Das Titelbild der Zeitung vom 1. Februar 2020 über den Chauffeur der Landräte. So war die Geschichte über einen nicht so ganz alltäglichen Berufsweg in der Zeitung angekündigt. Das hat auch Kritiker auf den Plan gerufen. Foto: Repro

    Kritisch haben sich Leser zum Beitrag „Der Chauffeur der Landräte“ geäußert, der Samstag (1.2.) mit großem Bild auf dem Titel der Zeitung und in ihrem Inneren ganzseitig dargestellt war (siehe Kopie am Ende des Beitrages). Der Mann, der für verschiedene Landkreis-Chefs am Steuer saß, brachte ein nicht so ganz alltägliches Berufsleben hinter sich. Das ließ sich gut in der Zeitung darstellen und noch besser digital auf mainpost.de. Dort wurde seine „Story“ mit weiteren Fotos, mit Ton und Bewegtbildern noch vielfältiger erzählt. Hier zur digital erzählten Story: "Nach 1,5 Millionen Kilometern ..."

    Kritiker: "Über Gebühr gewürdigt"

    Verstehen kann ich sie natürlich, die Kritiker. So hält Herr W.H. die Erwähnung auf dem Titel für „maßlos übertrieben“. Dorthin, so meint er, hätte an diesem Tag  in der Zeitung mit Schlagzeile und Bild gehört, dass der 1.Februar.2020 geschichtsträchtig ist. Großbritannien ist seither nicht mehr in der EU.

    Auch Herr K.A. betrachtet die Leistung des Chauffeurs als „über Gebühr gewürdigt“, zumal die nicht ehrenamtlich erbracht worden sei. Er fügt hinzu: „Hoffentlich würdigt Ihre Zeitung (…) auch die Leistung des Bauhandwerkers (…), der 40 oder gar 50 Jahre lang jeden Tag mindestens acht Stunden (und länger) auf der Baustelle bei Wind und Wetter, bei Hitze und Kälte (...) geschuftet und sich körperlich bis zur Erschöpfung geplagt hat.“

    Und Leser M.S. erklärt mir per E-Mail, er habe in seinem Berufsleben ca. vier bis fünf Millionen Kilometer gefahren, Haushalte versorgt und Schulkinder befördert. Wörtlich: "Wer fragt danach?“

    Überdurchschnittlich genutzter Beitrag

    Bei allem Verständnis für die Sichtweise der Kritiker füge ich hinzu, dass den Autor der Geschichte vom Landrats-Chauffeur mehr positive Reaktionen erreicht haben. Und Messungen zeigen, dass sein Beitrag digital überdurchschnittlich gut genutzt wurde. Es ist eben wie so oft: Redaktionen treffen eine Auswahl für die Zeitung, die selten den Anspruch erheben kann, bei allen Leser*innen Gefallen zu finden. Ein Problem, das in der digitalen Welt so kaum auftritt.

    Wichtig ist jedoch für Medien, nicht nur für die Zeitung: Kein wesentliches Ereignis darf auf der Strecke bleiben. So war der Brexit, Großbritanniens EU-Austritt, der reichlich oft Gegenstand der Berichterstattung gewesen ist, am 1.2. dort ebenfalls Thema. Überschrift: „EU schlägt nach Brexit neues Kapitel auf“. Der Beitrag fand aber digital wenig Beachtung, gemessen an der regionalen Geschichte des Chauffeurs. Die war eben – anders als der Brexit - exklusiv und damit sonst nirgendwo zu finden.

    Überzeugen Sie ihre Lokalredaktion

    Nun ist es aus meiner Sicht ohnehin erfreulich, wenn eine Person, die nicht prominent ist, Aufmerksamkeit erfährt, so viel wie jener Chauffeur mit dem nicht ganz alltäglichen Berufsbild. In der Regel gilt das doch nur für sehr bekannte und schillernde Persönlichkeiten, solche die in allen Medien unterwegs sind. Die Erzählung jenes Berufsweges aber, die kann für viele vergleichbare stehen. Und sie muss nicht einmalig bleiben. Haben Sie selbst einen ungewöhnlichen Lebensweg oder kennen Leute, bei denen das der Fall ist, lassen Sie es ihre Lokalredaktion wissen. Vielleicht lässt die sich überzeugen.

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    Anton Sahlender, Leseranwalt. Siehe auch www.vdmo.de

    Eine gut genutzte Seite, die allerdings auch auf Kritik stieß. Chauffeur der Landräte. Frankenseite, Samstag, 1. Februar 2020 Foto: Repro

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