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    Meine Herren, fühlen Sie sich mit "liebe Leserin" angesprochen?

    Der Weltfrauentag ist wichtig und wohl noch notwendig. Auch deshalb, weil über das, was am Ende des Tages notwendig ist, nicht nur politisch noch gerne gestritten wird.
    Ein prägnantes Beispiel dafür liefert der Leser Herr S.. Das Interview vom 7. März 2015 mit der als "Aufschrei"-Initiatorin bekannten Anna Wizorek, bringt ihn offenbar aus der Fassung.
    Interview siehe: https://www.mainpost.de/ueberregional/meinung/Aufschrei-Initiatorin-Anne-Wizorek-fuehlt-sich-mit-liebe-Leser-nicht-angesprochen;art9517,8609172
    Sein Schreiben an die "verehrte Main-Post-Redaktion" fängt entsprechend an: "... mir platzt der Kragen!"
    Weiter geht’s: „Sie lassen auf S. 2 Ihrer Zeitung Ihre Redakteurin Dutzende von Fragen an Frau Anne Wizorek stellen und bedrucken mit dem ganzen Interview fast eine ganze Zeitungsseite, damit sich diese Dame wortreich darüber beklagen darf, wie sehr sie sich durch die deutsche Sprache als Frau ausgegrenzt und an ihrer weiblichen Gleichstellung gehindert fühlt.
    Zur Klarstellung: Es handelt sich um genau 14 Fragen. Und es war bestenfalls eine drittel Seite. Sonst stimmts. Herr S. darf sich nun an dieser Stelle auch wortreich beklagen.  
    "Frau Wizorek, so S., hat offenbar einen schlechten Deutschunterricht gehabt oder trotz Abitur und Studium immer noch nicht begriffen, wie facettenreich unsere Sprache eingerichtet ist."
    Das ist böse gegen Frau Wizorek und passt so garnicht zum Weltfrauentag.
    Kenntnisreich belehrt Herr S. und ich mag ihm nicht widersprechen: "Man muß es leider immer und immer wieder von neuem erklären, damit solchem Unsinn begegnet wird: Es gibt bei Lebewesen zwei biologische Geschlechter, damit Fortpflanzung möglich ist: männlich und weiblich – lateinisch: sexus, englisch: sex. Alles, was bei uns – auch sprachlich – mit Sexualität zu tun hat, kommt aus dieser Sprachwurzel. Daneben und völlig unabhängig davon gibt es in etlichen Sprachen – etwa im Französischen, Italienischen, Spanischen und eben auch im Deutschen – ein grammatisches Geschlecht – lateinisch: genus, englisch: gender. Es wird ausgedrückt durch Artikel vor einem Hauptwort: der, die das / le, la / il, la...  Das hat sich in langer Zeit entwickelt und stimmt nicht einmal in Parallelsprachen überein: grammatisch sind unser männlicher Mond in Frankreich la lune und in Italienisch la luna, unsere weibliche Sonne in Frankreich le soleil und in Italien il sole...
    Beides, sexus und genus, hat nichts miteinander zu tun, wenn auch viele Wörter mit ihrem grammatischen Geschlecht dem biologischen folgen: der Mann - die Frau / der Vater – die Mutter / der Sohn – die Tochter / der Onkel – die Tante..."
     Ungekürzt und unverändert gebe ich die Erklärung von Herrn S. weiter, obwohl seine folgenden Hinweise aus dem Alltag bekannt sind: "Daneben gibt es für Menschen noch eine weitere Sprachkategorie: die Gruppen- oder Gattungsbezeichnung: Schüler, Fahrgast, Besucher, Arbeiter, Genießer, Bürger, Wähler, Leser. Jeder dieser Begriffe erfaßt schon immer ausnahmslos alle Personen der Gruppe ohne Rücksicht auf ihr biologisches Geschlecht! Die Ansage im Flughafen: ‚Alle Passagiere werden zu Ausgang B14 gebeten!‘ meint Männer, Frauen und auch Kinder jeden Geschlechts! Für den Aufruf im Krankenhaus oder im Museum: ‚Alle Besucher werden gebeten, das Haus bis um 18 Uhr zu verlassen!“ gilt dasselbe. Begrüße ich zwanzig Personen einer ausgewählten Gruppe von Schülern, Handwerkern, Kunden, Verkehrsteilnehmern, Museumsbesuchern, Zuhörern – was auch immer – und sage „Liebe Schüler, Handwerker, Kunden, Verkehrsteilnehmer, Museumsbesucher, Zuhörer –  was auch immer –, dann meine ich alle vor mir ohne Rücksicht auf ihr biologisches Geschlecht!"
     Danach gibt S. weiblichen Sprach-Formen die Ehre: „Natürlich haben sich im Laufe der Zeit - grammatisch gesehen –  weibliche Anreden und Bezeichnungen herausgebildet: König/Königin, Arzt/Ärztin, Bundeskanzler/Bundeskanzlerin – man kann dann eine solche Einzelperson besser beschreiben oder anreden. Auch Frau Wizorek wird niemand mit ‚Herr Wizorek anreden, wenn man sie als Frau erkennt (Bei Conchita Wurst hätte ich allerdings Probleme...).
     Nun aber kehrt Herr S. zu seiner klaren Linie zurück: „Aber die unnötige Doppelbenennung von Personen unterschiedlichen biologischen Geschlechts ist sprachlich völlig unnötig und schadet schon deshalb der Sprache, weil sie dadurch mit leeren Worthülsen aufgebläht wird, beim Sprechen Zeit und beim Schreiben Platz und Druckfarbe kostet! Noch schlimmer ist es, wenn sprachunwissende Feministinnen künstliche Doppelwörter erfinden – SchülerIn, Schüler_in –, an denen das lesende Auge hängenbleibt.
     Beim Lesen spüre ich, dass das „Aufgebläht“ nun auch auf Herrn S. Worte zurückfallen kann, zumal er sich sogar Gedanken über Druckfarben macht. Immerhin bietet er Lösungen an: „Bei den meisten Gattungsbegriffen kann man mit der Nachsilbe -schaft die gemeinte Gruppe erkennen: Schülerschaft, Lehrerschaft, Arbeiterschaft, sogar Kundschaft! Immer sind alle Personen dieser Gruppe gemeint. Und das gilt auch für Bezeichnzungen von Vereinigungen, die sich um bestimmte Menschengruppen kümmern: Studentenwerk, Flüchtlingshilfe, Krankenkasse und anderes.
     Nun wird Herr S. persönlich, wenn auch nicht richtig versöhnlich: „Offenbar hat Frau Wizorek mehr als nur Sprach-Probleme mit ihrem Frausein.  Dabei könnte sie sich doch freuen! Denn es heißt zwar der Tod, der Krieg, der Sieg, aber auch die Geburt, die Freude, die Anmut, die Schönheit, die Liebe sogar die Lust – und Gottseidank auch immer noch das Glück!
     Nachdem er das weibliche Geschlecht mit den genannten schönen Dinge des Lebens wohl ruhiggestellt glaubt, zieht Lesers S. sein Fazit: „Sprachfeministinnen führen den falschen Krieg. Gleichberechtigung muß im Bewußtsein der Menschen geweckt und gefördert werden - in meiner Umgebung beobachte ich da in den letzten Jahrzehnten erstaunliche Erfolge. Sprachverstümmelung - eine besondere Art der ideologisch gesteuerten Vergewaltigung, auch noch durch Frauen - trägt dazu gar nichts bei, sondern schadet unserem Sprachgefühl, das ohnehin mehr und mehr verkommt...
     Ich habe nichts gegen die kenntnisreiche Sprach-Analyse des Herrn S., solange er dabei bleibt. Krieg führt hier niemand, auch keinen falschen. In seinem Zorn blickt Herr S. leider nicht über die Sprache hinaus. Mit seinem bestimmenden Ton macht er sich selbst zum besten Beweis für die Notwendigkeit des Weltfrauentages.  
    Deshalb findet meine volle Zustimmung, was die Autorin des Interviews, die Main-Post Journalistin Sara Sophie Schmitt, kurz sagt: „Gerade zum Weltfrauentag ist es gerechtfertigt, auf die Problematik der Sprache hinzuweisen. So fühle ich mich zwar unter „liebe Leser“ angesprochen, aber gewiss würde sich kein Mann unter „liebe Leserin“ angesprochen fühlen. Das zeigt, wie festgefügt patriachalische Strukturen in der Sprache sind. Wenn der Wille da ist, wandelt sich Sprache. Aber daran fehlt es.
    Oder, meine Herren, fühlen Sie sich als "liebe Leserin" etwa angesprochen?
    Anton Sahlender, Leseranwalt

     

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