• aktualisiert:

    LESERANWALT

    Satirischer Umgang mit schrecklichen Ereignissen aus der Geschichte sollte gut überlegt sein

    In 20 Minuten wurde Würzburg zur menschenleeren Ruinenstadt
    (rdf) Im Juli 1945 kehrte der 32-jährige Würzburger Herbert Kern aus amerikanischer Gefangenschaft zurück. Er hatte von den Schreckensminuten am Abend des 16. März gehört, von den rund 5000 Toten und den gigantischen Zerstörungen, doch als er die Trümmerlandschaft mit eigenen Augen sah und auf den Trampelpfaden über meterhohe Schuttberge ging, überwältigten ihn die Gefühle. Kern konnte sich nicht vorstellen, wie es mit dieser Stadt weitergehen sollte. Das schrieb er 1994, als seine Neffen Bernhard und Winfried Kern für ihre Firma Kern Dental Depot einen Kalender mit Zeichnungen Kerns herausbrachten, die dieser im Herbst 1945 geschaffen hatte. „Wo war mein Würzburg mit seinen barocken Häusern und Madonnen geblieben?“, fragte er im Kalender-Vorwort. Kern, der von 1935 bis 1938 an der Akademie für angewandte Künste in München studiert hatte, fand zunächst Arbeit beim Kirchenrestaurator und Maler Anton Menna. Dieser besorgte ihm bei der Militärregierung auch die Genehmigung, die Zerstörung zeichnerisch festzuhalten. Auf dem Titelblatt des Kalenders, das wir hier zeigen, ist von der Kirche Stift Haug aus kaum ein Zeichen von Wiederaufbau zu erkennen. Nur rechts von der Marienkapelle erhält ein Haus einen neuen hölzernen Dachstuhl. Der Dom (links im Bild) ist als Gebäude vollständig erhalten; lediglich das Dach ist verbrannt und man hat begonnen, einen Dachstuhl aus Stahl aufzurichten. Kaum war er fertig, brach das Hauptschiff des Gotteshauses im Februar 1946 zusammen. Herbert Kern kehrte als Lehrer an die Akademie in München zurück. Daneben schuf er als freier Künstler Bühnenbilder im In- und Ausland, Theaterplakate sowie Postwertzeichen und grafische Arbeiten. Kern starb im Jahr 1998. Seine Bilder hatte er zuvor der Kunstsammlung der Diözese übergeben. Foto: Repro: MP
    Vergleiche werden von Journalisten gerne genutzt. Sie wollen ein Ereignis durch den Hinweis auf ein anderes, meist besser bekanntes, etwas anschaulicher darstellen. Dafür bedarf es freilich der gründlichen Abwägung, ob die Dinge auch zusammenpassen. Gerade beim Bezug auf geschichtliche Ereignisse ist besondere Vorsicht geboten. Andererseits lässt sich oft darüber streiten, was zusammenpasst und was nicht.

    Der starke Kontrast
    Ich gehe auf zwei Beispiele ein, weil die den Unmut eines Lesers hervorgerufen haben. Am Montag, 6. Juli, nach dem Bürgerentscheid um das Areal der ehemaligen Mozartschule, der das Stadtgespräch und den Würzburger Lokalteil wochenlang beherrscht hatte, erschien die regelmäßige Kolumne "Mein Montag" (Überschrift: "Der angesagteste Stadtteil") mit folgender Passage: „Was haben wir alle gezittert vor dem wichtigsten Tag in der Stadtgeschichte nach dem 16. März 1945.“
    Weil es sich bei "Mein Montag" um eine vorwiegend heitere, mitunter satirische Kolumne handelt, gewann ich den Eindruck, dass der Autor versucht hat, mit dem Satz einen starken Kontrast zu erzeugen, um den lange und intensiv diskutierten Bürgerentscheid weiter satirisch zu überhöhen. Man kann sagen, er wollte so die gewaltige Aufmerksamkeit für den Bürgerentscheid kennzeichnen. Die als wichtig bezeichneten Ereignisse selbst stehen zwar in starkem Kontrast zueinander, aber auch über die Erregung lässt sich keine Nähe herstellen. Aber das will Satire nicht, sie will zuspitzen, mitunter schockieren.

    Angriff auf die Satire
    Der Autor selbst sieht in seinem Satz lediglich die Kennzeichnung eines Zeitraumes, der eben mit dem 16. März 45 begonnen hat. Einen Vergleich mit dem Bürgerentscheid beabsichtige er damit nicht. Nun, ich mag ihm die Vergleichsabsicht nicht unterstellen, meine aber, zur Kennzeichnung eines Zeitraumes hätten sich andere wichtige Stichtage gefunden, darunter solche, die satirisch verwertbar sind.
    Aber hier zeigen sich unerschiedliche redaktionelle Auffassungen. Nicht nur der Autor ist nämlich der Ansicht, dass der 16. März durch den kritisierten Satz nicht beschädigt wird. Dieser Ansicht widerspreche auch ich nicht. Im Gegensatz zu mir sieht der Autor in der Leserkritik an dem Bezug zum 16. März aber einen Angriff auf die Satire. Ich erkenne freilich nur Kritik an einem Satz. Und Kritik ist auch bei Satire möglich. Denn ich erkenne kaum Sinn darin, ausgerechnet diesen mit schlimmen Schicksalen belasteten Tag für eine satirische Wirkung herzunehmen. Nein, beschädigt werden kann das mahnende Gedenken durch einen einzelnen Beitrag nicht. Aber die Frage, ob jener Satz den Montags-Beitrag besser macht, versehe ich mit einem dicken Fragezeichen.

    Anspruch an den Journalismus
    Der 16. März 1945 ist der wahrscheinlich schrecklichste Tag in der Stadtgeschichte. Etwa 5000 Menschen starben bei einem Bombenangriff unter fürchterlichen Umständen. Zitat aus einem Zeitzeugenbericht: "Unter den Toten ist jedes Alter und Geschlecht vertreten, vom Säugling bis zum Greis. Es gibt unversehrte, blutige, zerquetschte, staubige, schwarze und verbrannte. Auch Teile von Leibern sind dabei. ...“ (Siehe auch Wikipedia).
    Gerade in einer Glosse halte ich es - ebenso wie der kritische Leser - eben für verfehlt, genau diesen Tag als Fixpunkt für die Einordnung des Bürgerentscheides heranzuziehen. Ich nenne dafür ethische Gründe gegen diese Art Pointe. Eine Stadt wurde an diesem Tag, den 16. März 45 in Schutt und Asche gelegt. Die Mahnung, die davon ausgeht, wird neben dem Bürgerentscheid verharmlost. Das Nebeneinander kann Zeitzeugen kränken oder verärgern, gleichermaßen Menschen, die an jenem Tag, 1945, Angehörige verloren haben. Die gibt es noch. Ganz abgesehen davon, wird der Bezug, der sich nicht wegdiskutieren lässt, einem friedlichen demokratischen Akt nicht gerecht.
    Würde ein ähnlicher Satz von einem Kabarettisten satirisch ausgesprochen, kann er leicht in seinem Redefluss untergehen. Schwarz auf weiß ist er aber nachlesbar. Das wirkt nachhaltiger. Aber nicht nur deshalb gilt es gerade für Journalisten, Vergleiche oder Zusammenhänge gut abzuwägen. Ihr Anspruch muss aus meiner Sicht ein etwas anderer sein als der von Kabarettisten. Soweit meine Beurteilung dieses Beispiels.

     Napoleon und die Machete
    Samstag, 11. Juli, stieß der Kritiker auf einen weiteren Vergleich. Er steht in der „Würzburger Woche“, einer ebenfalls vorwiegend satirisch bis heiteren lokalen Glosse. Hier geht es unter dem Titel "Napoleon in Würzburg" darum, dass der Würzburger Oberbürgermeister zur Eröffnung eines Weinfestes eine Sektflasche öffnen soll. Man liest: "Der Steinwinzer Ludwig Knoll greift dafür gerne auf einen alten Brauch und eine neue Machete zurück, um die Flasche zu köpfen. Angeblich hat das schon Kaiser Napoleon getan, wenn er wieder mal ein Volk erfolgreich überfallen hatte.“ Als der Oberbürgermeister dann aber diese Machete anderen überlässt, wird u.a. gefragt: „Traut er sich einfach nicht, Flaschen zu köpfen (ohne hier Bezug auf den Stadtrat oder seine Referenten nehmen zu wollen)?“

    Geschickt eingekleidet
    Diese gesamte "Würzburger Woche" ist freilich geschichtlich rund um Napoleons Besuch, 1813 in Würzburg, geschrieben. Heiter wird darüber im Hintergrund der Festeröffnung erzählt. Leser müssen keinen Zusammenhang mit einem tragischen Ereignis von großer Tragweite ohne erklärenden Zusammenhang schlucken. Deshalb habe ich keine Probleme mit den geschickt eingekleideten Machete-Passagen und hoffe, es geht den Stadträten ebenso.
    Anders der Kritiker: Er zieht darüber journalistisches Fingerspitzengefühl in Zweifel.

    Urteilen Sie selbst, wie ihr Maßstab für die beiden Beispiele aussieht.

    Anton Sahlender, Leseranwalt der Main-Post

    Weitere Artikel

    Kommentare (0)

    Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!