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    LESERANWALT

    Über einen nicht alltäglichen journalistischen Erfolg

    Würzburg, Lengfeld Pilziggrund, Enthüllung des Straßenschildes Angermaierstraße in der vormaligen Helmuth-Zimmerer-Straße. Foto: Thomas Obermeier

     

    Kritik darf auch positiv sein. Positives sollen die folgenden Zeilen präsentieren, nämlich eine journalistische Leistung, deren Ausmaß und Nachhaltigkeit ich gerne noch einmal aufzeige. Das Beste vorweg: Die in hohem Maße investigative Leistung erzielte eine nicht alltägliche Wirkung für das Geschichtsbewusstsein einer Stadt. Man kann das mit Fug und Recht als erfreulich und wichtig bezeichnen.

    Im Würzburger Lokalteil war am 5. Oktober die Überschrift zu lesen:

    „Statt Zimmerer jetzt Nazi-Gegner auf dem Straßenschild“.


    Dieser Beitrag und das Bild dazu sind der vorläufige Schlusspunkt unter ein Kapitel aus der Nazi-Zeit, das endlich auch noch finstere Teile der Würzburger Nachkriegsgeschichte gut sichtbar macht.

    Rassistische Dissertation des Oberbürgermeisters
    Die gesamte Geschichte wurde ruchbar, weil der Stadtrat 1985 eine Straße nach dem 1956 bis 1968 amtierenden Würzburger Oberbürgermeister Dr. Helmuth-Zimmerer benannt hatte. Der freie Journalist Wolfgang Jung, der für diese Zeitung tätig ist, stieß 2012 bei Recherchen auf das, was der Würzburger Nervenarzt Elmar Herterich Anfang der sechziger Jahre erfolglos enthüllt hatte: Es war die schlimme rassistische Dissertation, mit der Zimmerer während der NS-Zeit seinen Dr.-Titel erworben hatte.

    Auftrag war nicht vergeben
    Bei einer geschichtlichen Stadtführung, wie sie Jung häufig ausrichtet, wurde auch ein Stadtrat auf die Dissertation aufmerksam. Wohnt er doch ausgerechnet in jener Straße. Noch 2012 erreichte er auf der Basis von Jungs Nachforschungen, dass der Stadtrat beschloss, ein wissenschaftliches Gutachten über Zimmerers NS-Verstrickung in Auftrag zu geben. Jung blieb ebenfalls am Ball. Er hat in der Folgezeit wiederholt nach dem Gutachten gefragt. 2014 erkannte er, der Auftrag des Stadtrates war überhaupt nicht vergeben.

    Wie ein wissenschaftliches Gutachten
    Jung begann nun selbst weiter zu forschen. Zunächst im Main-Post-Archiv. Dabei hat er rund 400 Beiträge über Zimmerer gelesen. Hinzu kamen Online-Recherchen. Seine gesamten weiteren Nachforschungen bestätigten nicht nur die rassistische Dissertation. Sie förderten zudem einen Grundstücksskandal wieder zutage, in den der Oberbürgermeister Zimmerer gemeinsam mit einigen Stadträten zutiefst verstrickt war. Wolfgang Jung stellte bald fest, dass alleine mit den gesammelten Unterlagen aus Zeitungsarchiven ein wissenschaftliches Gutachten gut ersetzt werden konnte.

    Eine riesige Dokumentation
    Nahezu ein halbes Jahr hatte Jung gelesen und recherchiert, auch in Archiven anderer Medien. Er fertigte aus seiner Arbeit eine riesige Dokumentation an. Am 27. Mai erschien sie auf einer Doppelseite der Main-Post. In ihrer Gänze ist sie freilich nicht zu drucken gewesen, sondern nur nur auf mainpost.de darstellbar gewesen. Hier ist sie noch nachzulesen. Siehe u.a.

    "Zimmerer Presseberichte von 1962 bis 1984"
     


    Erfolg für das Geschichtsbewusstsein
    Der Autor erreichte ein Ziel. Er lieferte überzeugende Fakten, darunter auch Verdienste Zimmerers als OB. Sie konnten gegen blasse Erinnerungen und sogenannte Helikopter-Diskussionen bestehen. Siehe

    "Die Skandale des Dr. Zimmerer".


    Der Stadtrat wartete nach der Veröffentlichung dieser journalistischen Dokumentation kein wissenschaftliches Gutachten mehr ab. Im Juli 2015 entschied er, die Zimmerer-Straße aus der Liste der Straßennamen zu löschen. Der Ex-OB war des Verbleibs nicht mehr würdig. Zu einem Erfolg für das Geschichtsbewusstsein der Stadt wurde das zudem, dass die Straße nun den Namen eines katholischen Widerstandskämpfers gegen den Nationalsozialismus erhielt: Den von Georg Angermaier (1913-1945).

    Geschichte soll weiter beleuchtet werden
    In Sachen Geschichtsbewusstsein will man nach den mehr als 70 Veröffentlichungen von Jung, die gedruckt und online erschienen sind, nicht auf der Stelle treten. Die Wissenschaft möchte mit einer Dissertation über Zimmerer nachziehen. Der Stadtrat richtet eine Kommission ein, welche die Nazizeit 1933-45 und die vernachlässigte Nachkriegsgeschichte der Stadt weiter beleuchten soll. Da geht es wohl auch um weitere Straßennamen, die doch möglichst für vorbildliche Menschen stehen sollten. Ob beispielsweise Kriegsherren, die Menschen in Tod geschickt haben, diese Erinnerung verdienen, ist diskussionswürdig. Und die damit verbundene Diskussion ist es, die das Bewusstsein für Geschichte und für eine Würzburger Identität weiter fördern kann. Ich gehe nicht zu weit, wenn ich feststelle, dass das alles von einem Journalisten angestoßen wurde.

    Anton Sahlender, Leseranwalt

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