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    Weischenberg: Zu wenige Journalisten aus unteren sozialen Schichten

    AUSTRIA-EU-SUMMIT
    Journalisten bei der Arbeit. Auch wenn es auf Bildern oft anders erscheint. Es sind weniger geworden. Hier ein Archivfoto mit Angela Merkel 2018 in Salzburg. Foto: FRANZ NEUMAYR (APA)

    Dass in Deutschland im Laufe der letzten rund zwei Jahrzehnte die Zahl der hauptberuflichen Journalistinnen und Journalisten, also jenen, die von dieser Profession leben, von 54.000 auf 41.000 geschrumpft ist, steht im Grundsatzvortrag des Kommunikationswissenschaftlers Siegfried Weischenberg, den dieser kürzlich beim Herbstforum der Initiative Qualität im Journalismus im Deutschlandradio in Berlin gehalten hat. Passend dazu lautete die Fragestellung der Veranstaltung „Journalismus auf guten Wegen?“ Umfangreich und aufschlussreich hat Weischenberg darüber befunden.

     

    Gesellschaftliche Folgewirkungen

    Hinter den Zahlen, so Weischenberg, würden nicht nur viele individuelle Schicksale stecken, sondern gesellschaftliche Folgewirkungen. Denn die Wissenschaft nehme aus guten Gründen an, dass diese Personal-Zahlen Relevanz für die Funktion des Journalismus in einer demokratischen Gesellschaft besitze. Dass es eine konstituierende Funktion sein soll, die das Bundesverfassungsgericht einer freien Presse grundsätzlich zuschreibt, füge ich hinzu.

     

    Hinweis auf ein Nachwuchsproblem

    Auf 100.000 Einwohner kommen damit in Deutschland rund 50 Journalisten. In den USA, so der Wissenschaftler, seien es schätzungsweise weniger als 30. In Österreich liege die Zahl aber bei 87 in der Schweiz sogar bei 129. Und er schafft einen Kontrast: In der Türkei seien es gerade mal acht. Das freilich, halte ich fest, sollte kein Maßstab für ein freiheitliches Staatswesen sein.

    Die Main-Post Redaktion, das soll an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben, verfügt derzeit über 120 journalistische Vollzeitstellen. Das bei ebenfalls abnehmender Tendenz. Die wirtschaftlichen Gründe, die in der Tageszeitungsbranche zu dieser Entwicklung führen, sind hinreichend bekannt. Weischenberg sagt dazu: "Was die ökonomische Seite angeht, so bin ich seit langem der Auffassung, dass sich Qualitätsjournalismus auf Dauer nicht über Märkte refinanzieren lässt." 

    Gestiegen, so fährt Weischenberg in seinem Vortrag fort, sei hierzulande auch das Durchschnittsalter der Journalistinnen und Journalisten von 37 Jahren (1993) über 41 (2005) auf inzwischen rund 46 (2015). Das weist auf ein Nachwuchsproblem hin.

    In diesem Zusammenhang erwähne ich gerne, dass die Main-Post derzeit Redaktionsvolontäre sucht, die zum 1. April 2020 für die zweijährige Ausbildung zum/zur Redakteur/in eingestellt werden sollen.

     

    Kein Spiegel der Bevölkerung

    Weischenberg erkennt zudem, belegt durch Forschung, ein Diversitäts-Problem. Danach gibt es zu wenige Journalisten aus unteren sozialen Schichten, wohl auch zu wenige mit Migrationshintergrund und nach wie vor zu wenige Frauen an den Schalthebeln in Medien. Weischenberg wörtlich: „Journalisten sind - in Deutschland wie in anderen vergleichbaren Ländern – in ihrer sozialen Zusammensetzung also alles andere als ein Spiegel der Bevölkerung (so wenig übrigens wie Ärzte, Anwälte oder Wissenschaftler). Deshalb hätten sie, so lautet der daraus abgeleitete Vorwurf, die wirklich wichtigen Themen längst aus dem Blick verloren.“ Ich meine, der Vorwurf wiegt schwer...

     

    Zu wenig, um über den Tellerrand zu blicken

    An anderer Stelle resümiert Weischenberg, dass der Vorwurf, dass viele zu wenig tun, um über den Tellerrand der eigenen Lebensverhältnisse hinauszublicken, berechtigt scheine. Aber er zitiert auch den US-Journalistikprofessor Jay Rosen, der es 2018 nach einem Deutschlandaufenthalt unter anderem als eine der Säulen des deutschen Journalismus bezeichnet hatte, was auch Quelle für Kontroversen und Querelen ist. Wörtlich: „Deutsche Journalisten betrachten es als ihre Aufgabe, für die Recht von Minderheiten einzutreten und zu verhindern, das Links- oder Rechtextreme den öffentlichen Raum kapern.“ Kurzum: Sie würden Demokratie und Menschenwürde verteidigen.

    Siehe "Jay Rosen schreibt einen Brief an die deutschen Journalisten" in der FAZ.

    Das war ein sehr kleiner von mir ausgewählter, folglich auch subjektiver Ausschnitt aus aufschlussreichen Betrachtungen des Wissenschaftlers. Die Dokumentation der Tagung und den gesamten Weischenberg-Vortrag erreichen sie über www.initiative-qualitaet.de .

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    Anton Sahlender, Leseranwalt. Siehe auch www.vdmo.de

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