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    LESERANWALT

    Wenn schaulustig nicht schmeichelhaft ist

    Auf dem vollen Würzburger Marktplatz: Robert Habeck mit Grünen-Politikern vor 2000 Anhängern und Schaulustigen. Der Unterschied ist wichtig. Schaulustige wurde von Lesern als entwürdigend empfunden. Foto: THOMAS OBERMEIER

    Unscheinbar wirkt ob des Europawahl-Ergebnisses die kritische Anmerkung von Leser J.B. zu einem Zeitungsbeitrag vor dem Wahltag (26.5.19). So erfordert sie vor allem eine journalistische und sprachliche Bewertung. J.B. hat mir gleich nach der Wahl (So. nach 19 Uhr) gemailt, was ihn zuvor gestört hat: In der Freitagausgabe sei in einer Überschrift gestanden, „2000 Schaulustige wollen den Grünen-Chef im Europawahlkampf in Würzburg sehen“. Das stimmt, auch wenn es nur in der Unterzeile zur Überschrift vom 24.5., S.2, so zu lesen war. Die Überschrift lautete:  „Warum die Kanzlerfrage Robert Habeck so nervt“ . (Artikelkopie aus der Zeitung siehe Textende)

     

    "Wir empfinden es als unverschämt"

    Er, J.B. und seine Frau seien selbst in Würzburg beim Habeck-Auftritt gewesen und sähen sich “mit dieser sehr abwertenden Beschreibung in die Nähe von Gaffern gerückt“ (Schaulustige, siehe Wikipedia). Weiter wörtlich: „Wir empfinden es unverschämt, dass man bei politischem Interesse als 'Schaulustiger' bezeichnet wird.“

    Das mag sensibel erscheinen, aber man kann das so sehen. Denn ist es wie eine Offenbarung, wenn die Redaktion selbst gleich im ersten Satz des Beitrages gezeigt hat, dass sie sehr wohl Begriffe einzuordnen weiß. Da steht zutreffend: „Bis zu 2000 Anhänger und Schaulustige haben am Donnerstagabend Grünen-Chef Robert Habeck in Würzburg begeistert empfangen“. Schaulustige alleine ist jedenfalls falsch und eine nicht gerade schmeichelhafte Einordnung.

     

    Die bessere Lösung

    Wenn schon für die „Anhänger“ in der prominenten Zeile über dem Text kein Platz mehr gewesen ist, hätte da besser wertfrei von „2000 Menschen“ die Rede sein können. Denn man kann die Zweitausend an dieser Stelle nicht einfach pauschal nur unter „Schaulustige“ einordnen. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass der Artikeltext die präzisere Darstellung bietet. Gibt es doch zu viele Leute, die nur Überschriften lesen. Und die sollten dann, trotz notwendiger Kürze, korrekt sein.

     

    Die Hektik vor der Wahl

    Doch eine Ehrverletzung ist der Begriff in vorliegendem Zusammenhang wohl noch nicht und auch nicht so gemeint. Der Autor des Habeck-Beitrages erklärt selbst, dass man es besser hätte lösen können. „Schaulustige“ in der Unterzeile der Überschrift sei unglücklich und in der Hektik des späten Donnerstagabends entstanden. Da gibt es also keine Absicht.

     

    Widersprüchliche Vorwürfe

    Was Leser J.B. noch gefolgert hat, liegt im Bereich dessen, was meist Parteianhänger identifiziert: Die kritisierte Zeile hänge mit der tiefschwarzen Gesinnung zusammen, für die diese Zeitung stehe. Was dem vorliegenden Artikel gewiss nicht zu entnehmen ist. Dem Kritiker sei außerdem gesagt, dass in der Redaktion schon von allen poltitischen Seiten widersprüchliche Vorwürfe ankamen, zuletzt gerne „rot-grün versifft“.

    Und die Erfahrung sagt zudem, dass bei Wahlen oft verstärkte Sensibilität der Leserschaft auf erhöhte Belastung der Redaktion trifft. Was kein Grund ist, den Fehler nicht einzugestehen.

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    Anton Sahlender, Leseranwalt. Siehe auch www.vdmo.de

    Warum die Kanzlerfrage Robert Habeck so nervt. Main-Post vom 24.5.2019
    Die Unterzeile der Überschrift zu diesem Artikel vom 24.6.2019 steht in der Kritik. Schaulustige wird als herabwürdigend empfunden.

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