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    LESERANWALT

    Wer hat hier Kummer mit wem?

    Kritik aus der Leserschaft eröffnet zuweilen andere Perspektiven und kann förderliche Diskussionen in Redaktionen auslösen. Hier aktuell zwei solche Leserkritiken: Darin der Vorwurf der Einseitigkeit und der Vorverurteilung.

     

    Eine Hand voll Nachbarn

    In einem Lokalteil war ausführlich berichtet, dass „eine Hand voll Nachbarn“ eine beliebte Vereinsgaststätte, die zum Szene- und Musiktreff geworden ist, beim Ordnungsamt gemeldet haben. Sie sehen ihre Ruhe nach Mitternacht gestört. In der Unterzeile zur Überschrift war in der Zeitung zu lesen: „Ein paar Nachbarn und die Vergnügungsstättenverordnung machen dem Vereinslokal <..> Kummer“. (Siehe angefügte Kopie).

     

     

    Berichterstattung geht auf die Nerven

    Das stört Leser J.S.. Er schreibt: „Ja, geht´s denn noch parteiischer? Die paar Nachbarn, da denkt man gleich an Störenfriede, Quertreiber, Eigenbrötler, Sonderlinge. Sie machen dem Betreiber Kummer, nicht etwa er ihnen.“ Das sei Meinung, nicht Bericht. J.S. betont, dass er weit weg von dem Lokal wohnt und nie drinnen gewesen ist. Ihm gehe „die Art der Berichterstattung auf die Nerven.“

     

    Anwohner nicht erreicht

    Was J.S. meint, ist bis hierher durchaus nachvollziehbar. Jedoch halte ich auch fest, der Bericht über den Konflikt (hier die Online-Fassung anklicken) spart keinen Aspekt aus, der zu recherchieren war. So liest man, dass der Pächter, der diesem Lokal „wieder das Fliegen beigebracht hat“, nun um seine Existenz bangt. Das ist aber leider nur eine Seite. Dass es der Redaktion nicht gelungen ist, mit der anderen Seite, mit den Anwohnern ins Gespräch zu kommen, wird auch berichtet. Die waren, so erfuhr ich auf Nachfrage in der Redaktion, für die Redaktion nicht zu erreichen. Sonst wäre wohl auch deren Kummer deutlicher geworden. Und sie hätten reden können, ohne dass ihre Identität preisgegeben worden wäre. Dafür ist es nicht zu spät.

     

    Ein Indiz für Einseitigkeit

    Ach ja: Tatsächlich konnte die Redaktion die Anwohner "nicht erreichen". Diese Formulierung wäre im Bericht fair gewesen. Sie bedeutet etwas anderes als der missverständliche Hinweis, dass es nicht gelungen ist, mit den Anwohnern ist Gespräch zu kommen. Der wirkt, als hätten die Anwohner keine Gesprächsbereitschaft. Das aber konnte bei vergeblichen Kontaktversuchen überhaupt nicht festgestellt werden. So erkennt man eine Formulierung, die als Indiz für Einseitigkeit stehen kann.

     

    Bericht und Meinung trennen

    Im lokalen Bericht vom Freitag (27.7.) dominieren Erklärungen aus dem Ordnungsamt und vom Pächter. Die können den Eindruck erwecken, dass letzterer die Sympathie der Redaktion genießt. Ich meine, dass es in einem solchen Konflikt ratsamer ist, einen nüchternen Bericht zu schreiben und dazu, gekennzeichnet als Meinung, die typischen Interessensgruppen zu beurteilen, die sich auch hier wie so oft gegenüberstehen: Auf der einen Seite eine Mehrheit von Anhängern eines beliebten Szenetreffs und auf der anderen wenige Anwohner, die auf Ruhe und Ordnung bestehen und so in die Rolle der Spaßverderber geraten.

     

    Falsche Präposition

     

     

     

     

     

     

    Ganz kurz noch Fall zwei: Ziemlich eindeutig ist die Kritik von Leser A.M.E.. Zurecht sieht er eine unzulässige Vorverurteilung darin, weil über einer Ankündigung in der Zeitung vom Donnerstag (26.7) steht: „Urteil gegen sechs LKA-Beamte soll am Freitag fallen“. Die Präposition „gegen“ ist zu diesem Zeitpunkt vorverurteilend. Richtig hätte es lauten müssen „Urteil über sechs LKA-Beamte am Freitag erwartet“. Das gilt auch, wenn am Freitag nicht – wie geschehen – vier der Beamten freigesprochen worden wären.

    Anton Sahlender, Leseranwalt. Siehe auch www.vdmo.de

     

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