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    LESERANWALT

    Wie ein Leser auf die Meldung vom Tod des Schoßhündchens von Paris Hilton reagiert hat

    Leseranwalt
    Leseranwalt Anton Sahlender.
    Da haben vergangene Woche in Würzburg Journalisten, darunter der Main-Post Chefredakteur Michael Reinhard, über die "Zukunft des Lokaljournalismus" diskutiert. Im Großen und Ganzen waren sie optimistisch. Ein Rezept mit Erfolgsgarantie war freilich nicht geboten. Aber dafür gab es eine interessante Leserreaktion.

    Mutiert ihr zum Satiremagazin?
    Leser R.S., den die Botschaft von dieser öffentlichen Zukunftsdiskussion erreichte, war nämlich weniger optimistisch. Er hat nicht nur mir im Internet-Netzwerk Facebook deshalb folgenden Rat gegeben: "Weniger diskutieren, die eigene Praxis hinterfragen". Dazu weist er auf eine Main-Post-Meldung mit Bild hin, aus der man erfährt, dass  Paris Hiltons Hund gestorben  ist. Und die stand so am Donnerstag gedruckt auf der Seite "Aus aller Welt". R.S. hat empört gefragt: "Mutiert ihr gerade zum Satiremagazin oder ist das die Zukunft des Lokaljournalismus?"

    Als gäbe es keine wirklichen Gründe zu trauern
    Ich kann diese kritische Frage gut verstehen. Die kurze Meldung wirkt schlichtweg wie eine allzu banale, isoliert betrachtet fast etwas doofe Meldung. Eine Promi-Dame betrauert den Verlust ihres Schoßhündchens Tinkerbell. Das war an Altersschwäche verschieden und sie fühlt sich nun, als habe sie ein Familienmitglied verloren. Man möchte meinen, es gäbe derzeit auf dieser Welt keine wirklichen Gründe zu trauern. Wäre da nicht sogar der umgefallene Sack Reis an der chinesischen Mauer bedeutender?

    Emotion und Illusion
    Nun war diese Todes-Nachricht vom Promi-Hündchen auf der Seite "Aus aller Welt" zu lesen. Das ist bekanntlich keine Lokalseite. Dort findet sich seit Jahr und Tag eine Auswahl vergleichbarer Botschaften aus dem Dasein von Promis und - man mag es bedauern - das sind die am meisten gelesenen Beiträge der ganzen Zeitung. Eine Tatsache, die erfahrungsgemäß für sich persönlich niemand eingestehen mag, die aber repräsentative Messungen längst bestätigt haben. Sie fallen nicht unter den Nachrichtenfaktor „Tragweite“, sie sind eher der Emotion und Illusion zuzuordnen.

    Unterhaltung gehört zur Pressefreiheit
    Es mag ja sein, dass sich nicht nur für Leser R.S. an diesem Tag wesentlich interessantere Meldungen aus der großen weiten Welt gefunden hätten. Aber führen wir uns über das Schoßhündchen einfach nur vor Augen, dass es nicht wenigen Menschen ähnlich wie Paris Hilton ergeht, wenn sie ihr Haustier verlieren. Vielleicht tut es ihnen gut, zu erfahren, dass sie etwas mit den Reichen und Schönen dieser Welt verbindet. Ich warne ohnehin immer wieder Leute davor, nur aus dem Bauchgefühl heraus festzustellen: Was mir missfällt, das kann auch anderen Lesern nicht gefallen.
    Erwähnt sei, dass schon das Bundesverfassungsgericht bestätigt hat, dass Unterhaltung ebenfalls zur Pressefreiheit gehört. Sieht man darin auch einen Auftrag, lässt sich daraus durchaus ableiten, dass es für das eigene selbstbestimmte Leben nicht ohne Interesse ist, einen Einblick darauf zu erhalten, wie bekannte Persönlichkeiten das ihre gestalten. Und es ist sogar ein Erfolg, wenn Leser wie R.S. solche Meldungen als Realsatire betrachten und sich davon distanztieren. Vielleicht tun sich das auch bei der Meldung vom vergangenen Freitag, vom gestohlenen Huhn der Schauspielerin Mila Kunis

    Beiwerk für Lokalzeitungen
    Nein, der Hundeverlust von Paris Hilton und vergleichbare Nachrichten sollen nicht überhöht werden. Sie sind nur redaktionelles Beiwerk, auf das auch Zeitungen, die vorwiegend auf lokale und regionale Nachrichten setzen müssen, derzeit nicht verzichten können. Sonst würden sie auch mit allen ihren ernsthaften Inhalten weitaus weniger angenommen. Und vielleicht finden ja sogar manche Leserinnen und manche Leser über Paris Hilton hin zu einem bedeutungsvollen Thema, das sie sonst nicht wahrnehmen würden. Schön wärs doch.

    Anton Sahlender, Leseranwalt

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