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    LESERANWALT

    Wird der Zustand der Welt zu schlecht eingeschätzt?

    Aleppo - Bericht auf der Titelseite vom 12.8.2016
    Schreckliche Wirklichkeit in Aleppo. Eine realistische Lösungsorientierung zu bieten, wird Journalisten sehr schwer fallen.
    Mehr denn je wird konstruktiver Journalismus gefordert. Der soll neben Schattenseiten das Positive zeigen, das Gelingen und gute Beispiele in den Vordergrund stellen. Auf diese Weise soll er viele neue Leser, Zuhörer und Zuseher hinzugewinnen. Das entnehme ich einem bemerkenswerten Beitrag im Angebot des Europäischen Journalismus-Observatoriums (ejo). Darin berichtet Katharina Henning über Studien aus ihrer Masterarbeit an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Überschrift: Warum so negativ? - Konstruktiver Journalismus in Deutschland.

    „Sachlich, lösungsorientiert und zukunftsweisend – so sollte Journalismus sein. Trotzdem skizzieren Massenmedien die Welt jeden Tag als einen Ort des Schreckens“,

    schreibt Katharina Henning.
     

    Wenn Negativität überwiegt

    So werde in repräsentativen Befragungen der Zustand der Welt deutlich schlechter eingeschätzt als er tatsächlich sei, fährt Henning fort. Betrachte man aber Indikatoren wie Lebenserwartung, gesundheitliche Versorgung oder Einkommen, sei es den meisten Menschen – zumindest in der westlichen Welt – nie so gut wie heute gegangen. Das Bild gerate jedoch in Schieflage, weil positive Entwicklungen oder potenzielle Lösungsansätze in der Berichterstattung häufig außen vor gelassen werden und der Nachrichtenfaktor Negativität in der Regel überwiege.
     

    Vorwurf und Anspruch

    In dem über das ejo verbreiteten Bericht von Katharina Henning kann man gleichermaßen schweren Vorwurf und hohen Anspruch an den Journalismus erkennen. Auch Nutzer von mainpost.de oder anderen journalistischen Angeboten dürfen sich überlegen, was ist zu negativ dargestellt, wo erkenne ich Lösungsansätze oder was ist zukunftsweisend? Aber sie können sich auch fragen, ob der Journalismus überfordert wird?

     

    Das Beispiel Aleppo

    Sogar Hilflosigkeit kann man feststellen, wenn man bewegende Berichte liest, wie jenen auf der Titelseite der Zeitung vom Freitag, 12.8. (mainpost.de: „Uns helfen keine Tränen mehr“). 15 syrische Ärzte appellieren an US-Präsident Barack Obama: „Wir benötigen ihr Handeln“ (Siehe auch Foto). Sie zeigen dramatische Zustände in Aleppo auf, in denen sie entscheiden müssen, wer weiterleben soll und wer wohl sterben wird. Hier endet auch die Lösungsorientierung für Journalisten in Appellen. Ich füge ausdrücklich hinzu, dass es nicht mehr möglich ist, gerade die geschilderten Zustände im "Nahen Osten" von denen in der „westlichen Welt“ abzutrennen. Das gilt auch für den Journalismus.


    Aleppo - Bericht auf der Titelseite vom 12.8.2016
    Schreckliche Wirklichkeit in Aleppo. Eine realistische Lösungsorientierung zu bieten, wird Journalisten sehr schwer fallen.


    Positive Emotionen

    Diese Realität gewinnt für Medien an Tragweite, wenn Studien nahelegen, dass sich Menschen dann von ihnen abwenden, wenn das dargestellte Thema schwer lösbare Probleme enthält. Darüber schreibt Henning auch. Und sie teilt mit, dass man an der Universität Southampton herausgefunden habe, dass eine Überbetonung negativer Nachrichten nicht die gesellschaftlichen Zustände ändere, sondern lediglich die Gemütszustände der Rezipienten. Eine Forsa-Umfrage besage, dass viele Zuschauer gerne häufiger positive Meldungen sehen würden. Und Studien der Angewandten Positiven Psychologie würden zeigen, dass lösungsorientierte Texte positive Emotionen erzeugen, besser behalten werden können und das Publikum zu eigenen Handlungen veranlassen.


    Ihre Meinung interessiert mich

    Bitte verabschieden Sie sich jetzt nicht aus den journalistischen Angeboten der Main-Post. Diskutieren Sie. Ihre Meinung interessiert mich. Ich komme gerne darauf zurück, weil es mehr und andere Beispiele gibt als den Beitrag über die schrecklichen Kriegszustände in den Krankenhäusern von Aleppo. Der war unvermeidlich und lässt journalistisch wenig Alternativen zu.
    
    Für ihre Masterarbeit hat Henning auch 14 Journalisten verschiedener deutscher Zeitungen
    und Magazine befragt. Sie haben nach ihren Aussagen bereits Erfahrungen mit
    Konstruktivem Journalismus gesammelt und diese Form der Berichterstattung zumindest
    teilweise in ihre Arbeitsprozesse integriert. Darunter Medienmacher von
    Die Zeit, brand eins, Schleswig Holsteinischer Zeitungsverlag oder taz,
    aber auch sog. Independent Magazine wie OYA, enorm, Forum Nachhaltig Wirtschaften,
    Good Impact, Transform oder Futurzwei und Startups wie Perspective Daily.

    Anton Sahlender, Leseranwalt

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