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    Würzburg

    Leseranwalt: Journalisten sollen ihre Arbeit reflektieren

    Ein Leser hat eine Wutmail an die Redaktion geschrieben. Warum dazu eine Studie der Universität Hohenheim passt, die mehr nachvollziehbaren Journalismus nahelegt.
    Eine Studie empfiehlt, dass Redaktionen ihre Arbeit für Leser*innen nachvollziehbarer machen. Hier ein Blick in den Newsroom der Main-Post-Redaktion. Archivbild aus 2018.
    Eine Studie empfiehlt, dass Redaktionen ihre Arbeit für Leser*innen nachvollziehbarer machen. Hier ein Blick in den Newsroom der Main-Post-Redaktion. Archivbild aus 2018. Foto: Michael Mößlein

    Sie sollen nicht aufgewertet werden. Also wiederhole ich die üblen Beleidigungen aus einer Wutmail gegen Politiker und Journalisten, die auch mich erreicht hat, besser nicht. Lieber zitiere ich dazu aus einer für Internetnutzer repräsentativen Studie der Uni Hohenheim. Zeigt sie dem Journalismus doch Lösungsansätze, um das Vertrauen des Publikums zu erhalten und zurückzugewinnen.

    Fabian Prochazka, der zum digitalen Strukturwandel von Medien und Öffentlichkeit forscht, erklärt auf der Webseite des Europäischen Journalismus Observatoriums diese Studie. Generell sage diese, dass eine Mehrheit der Befragten intuitiv mittleres bis hohes Vertrauen angibt und sich in der Meinungsbildung auf Journalismus verlässt. Aber es existiere eine substanzielle Gruppe von Personen (etwa 15 % der Internetnutzer) mit sehr geringem Vertrauen. Sie lehnen journalistische Medien für ihre Meinungsbildung und Kommunikation im Alltag ab.

    Spirale der Entfremdung vom Journalismus

    Die eingangs erwähnte Mail des Lesers unserer Zeitung erinnert mich daran, dass niedriges Vertrauen in die Medien stark mit politischem Zynismus und einem individuellen Gefühl mangelnden politischen Einflusses zusammenhängt. Personen mit geringem Vertrauen seien tendenziell überhaupt misstrauischer, glaubten eher an Verschwörungen und hätten größeres Bedürfnis nach einer klaren Einteilung in richtig und falsch.

    Diese Leute ergänzen Informationen aus Medien häufig im Netz, und zwar dort, wo man sich gegen Journalismus positioniert. Genau das kann ich mir beim Absender jener Wutmail vorstellen. Denn sowohl Unzufriedenheit mit journalistischen Berichten als auch zufälliger Kontakt mit alternativen Darstellungen im Internet führe zur Nutzung nicht-journalistischer Quellen. Das könne Initialzündung für eine Spirale der Entfremdung vom Journalismus sein.

    Journalismus soll sich besser erklären

    Vertrauen gewinne Journalismus, wenn er sich besser erkläre. Da unterstreiche ich die Studie aus eigener Erfahrung. Journalist*innen sollen nachvollziehbar machen, wie Berichte zustande kommen, begründen, warum manche Themen ausgewählt werden und andere nicht, reflektieren, welche Probleme und Uneindeutigkeiten sich in der Arbeit ergeben. Mehr Transparenz nach außen fördere auch eine stärkere Reflexion in den Redaktionen und damit journalistische Qualität.

    Ob das auch bei dem Wutmail-Schreiber wirken würde? Erklärt der doch auch noch bedrohlich, "mit absoluter Sicherheit kommen auch wieder andere Zeiten, und die Leute, und 'das Netz' vergessen nix und niemanden mehr – seien Sie dessen versichert." Ich gebe die Hoffnung auch bei schwierigen Fällen nicht auf. So habe ich ihm mit dem Versprechen geantwortet, dass Journalisten für die Erhaltung der Zeiten einstehen, die eine freiheitlich demokratische Grundordnung und die Würde aller Menschen bewahren.

    Frühere Leseranwalt-Kolumnen zu Transparenz im Journalismus: 

    2020: "Wie die Sportredaktion ihr neues Konzept erklärt"

    2019: "Redaktioneller Transparenz nicht selbst im Wege stehen"

    2018: "Ein Plädoyer für Transparenz"

    2017: "Transparenz, Baustein für die Glaubwürdigkeit"

    Anton Sahlender, Leseranwalt. Siehe auch Vereinigung der Medien-Ombudsleute

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