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    Würzburg

    Leseranwalt: Nachrichten-Auswahl ist immer diskussionswürdig

    "Kein Wörtchen" zum 71. Jahrestag der Verkündung des Grundgesetzes? Wie zu beurteilen ist, was Leser an aktueller Berichterstattung stört.
    Der Bericht über die Vorwürfe gegen eine Kommune, die das ehemalige Kloster in Lülsfeld (im Bild) nutzt, lässt sich journalistisch nicht gegen den Jahrestag des Grundgesetzes aufrechnen. Dennoch kann über redaktionelle Auswahlentscheidungen immer diskutiert werden.
    Der Bericht über die Vorwürfe gegen eine Kommune, die das ehemalige Kloster in Lülsfeld (im Bild) nutzt, lässt sich journalistisch nicht gegen den Jahrestag des Grundgesetzes aufrechnen. Dennoch kann über redaktionelle Auswahlentscheidungen immer diskutiert werden. Foto: Silvia Gralla

    Sie alle wissen es: Täglich gibt es unzählige Ereignisse und Themen mehr, als die in einer Zeitung oder anderen Medien veröffentlichten. Aber eine Zeitung ist endlich, ebenso die redaktionelle Leistungsfähigkeit. Das gilt auch für ihre digitalen Angebote. Gerade deshalb schadet es nie, sich mit der Auswahl der verbreiteten, aber auch mit nicht verbreiteten Nachrichten bewusst auseinanderzusetzen.

    Leser R.R. hat das getan, weil er am 23. Mai „kein Wörtchen“ über diesen Jahrestag der Verkündung des Grundgesetzes in der Zeitung gefunden hat. Andererseits aber, so R.R., gab es in eben dieser Ausgabe zweieinhalb Seiten über die Gruppe „Go&Chance“ in Lülsfeld (Titel: „Schattenwelt“/Kopie am Textende). Diese Bemessung von Wertigkeit hält er für sehr seltsam. - Online-Bericht: "Psychodruck und sexualisierte Gewalt in ehemaligem Kloster"

    Untauglicher Vergleich

    Für das Wissen um die Bedeutung des Grundgesetzes taugt ein Vergleich mit Vorwürfen gegen eine Gruppe im Lülsfelder Klostergebäude kaum. Wäre für eine Erinnerung ans Grundgesetz entschieden worden, hätten die Vorgänge in Lülsfeld trotzdem erscheinen können. Dass die Redaktion 2020 nicht auf den Jahrestag hingewiesen hat, lässt sich begründen: 2019, am 70. Jahrestag, ist das ganz besonders ausführlich geschehen. Der 71. Jahrestag ist als solcher (kein runder Geburtstag) nicht bemerkenswert. Das journalistische Augenmerk auf das Grundgesetz bleibt aber immer ungebrochen.

    Die Abbestellerin

    Auf keine Diskussion, auch nicht auf Nachfrage, lässt sich bislang Frau C.S. ein. Sie hat die Zeitung abbestellt, weil „die sogenannte freie Presse und Meinungsäußerung derzeit stark eingeschränkt“ sei. Angst, Druck und Macht würden vorherrschen. Sie aber wolle sich ihr eigenes Bild machen. Sie leitet Vorwürfe aus einem Zitat von Theodor Fontane ab, dass es gegen Menschen, die die Wahrheit sagen, kein anderes Gegenmittel als die Gewalt gäbe und ergänzt, „oder sie werden als Verschwörungstheoretiker hingestellt“. 

    Ja, Nachrichten um Covid-19 können auch Angst machen. Das sollte nie mehr geschehen als es nachrichtlich unvermeidlich ist. Doch sein eigenes Bild kann sich bekanntlich am besten machen, wer nicht nur Nachrichten und Meinungen zulässt, die ins eigene Bild passen.

    Nachricht aus trauriger Realität

    Wo sie Macht und Gewalt empfindet oder wo Menschen zu Unrecht als Verschwörungstheoretiker bezeichnet worden sind, dazu konkretisiert Frau C.S. ihre Vorwürfe nicht. Wissen lassen hat sie, dass ein Bericht über Bordelle (15.5.: „Warnung vor illegalem Straßenstrich“) nicht ihrem Leser-Niveau entspreche und gefragt, ob es keine anderen Probleme gäbe. Ja, habe ich geantwortet, die gibt es. Aber dass Probleme derzeit auch Mitmenschen in einem Gewerbe belasten, über dessen Niveau man sich allzu leicht erhebt, ist ebenfalls Nachricht aus trauriger Realität.

    Das gesamte Fontane-Zitat: "Der Grund, warum Menschen zum Schweigen gebracht werden ist nicht, weil sie lügen, sondern weil sie die Wahrheit reden. Wenn Menschen lügen, können ihre eigenen Worte gegen sie angewendet werden, doch wenn sie die Wahrheit sagen, gibt es kein logisches Argument, sondern als Gegenmittel nur die Gewalt."

    Schattenwelt. Was in einem ehemaligen Kloster vor sich geht. Aus Main-Post 23.5.20. Lülsfeld 1. Seite
    Schattenwelt. Was in einem ehemaligen Kloster vor sich geht. Aus Main-Post 23.5.20. Lülsfeld 1. Seite Foto: Repro Sahlender
    Schattenwelt. Was in einem ehemaligen Kloster vor sicher geht. Aus Main-Post 23.5.20, Lülsfeld 2. Seite.
    Schattenwelt. Was in einem ehemaligen Kloster vor sicher geht. Aus Main-Post 23.5.20, Lülsfeld 2. Seite. Foto: Repro Sahlender

    Frühere Leseranwalt-Kolumnen zu Nachrichtenauswahl:

    2016: "Gute und schlechte Nachrichten, eine Frage der Perspektive"

    2016: "Wird der Zustand der Welt zu schlecht eingeschätzt?"

    2019: "Was nicht berichtet wurde"

    Anton Sahlender, Leseranwalt. Siehe Vereinigung der Medien-Ombudsleute.

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