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    Leseranwalt: Wie eine Schlagzeile über Bill Gates wirkt

    Gedanken zur möglichen Wirkung einer Überschrift, die einen falschen Eindruck hinterlassen könnte
    Bill Gates fördert durch seine Stiftung medizinische Entwicklungen. In Corona-Zeiten ist er zur Zielscheibe von Verschwörungstheorien geworden.
    Bill Gates fördert durch seine Stiftung medizinische Entwicklungen. In Corona-Zeiten ist er zur Zielscheibe von Verschwörungstheorien geworden. Foto: Jeff Pachoud, afp

    Bei Familie S. aus der Rhön habe ich mich für eine Zuschrift bedankt, weil sie einen medienethischen Aspekt kenntlich macht. Ihre Gedanken dazu betreffen die Schlagzeile über einem Beitrag vom 23. Mai: „Wie Bill Gates zum Feindbild wurde“. Vielleicht fühlen sich andere Leserinnen und Leser durch die folgenden Überlegungen zum Mitdenken angeregt.

    P. und C.S. finden es schade, dass durch die Schlagzeile der Eindruck entstehen könnte, die Main-Post mache sich zum Verbreiter einer einseitigen Sichtweise. Wer alle Seiten der Nachricht erfahren wolle, müsse den gesamten Text lesen. Der Artikel, so schreiben mir P. und C.S., berichte nämlich ausgewogen über Verschwörungstheorien, die bei Demos und massenhaft in Internet-Netzwerken zur Gates-Stiftung die Runde machen. Er lasse aber auch die Leistungen von Gates erkennen und zeige auf, wie frühzeitig Bill Gates vor der Pandemie-Gefahr gewarnt habe. Jedoch unterstreichen, so wie die Schlagzeile, noch zwei von drei Fotos (mit Demo-Slogans: „Gib Gates keine Chance“) die sogenannten Theorien der Verschwörer.

    Starker negativer Eindruck

    Grundsätzlich habe ich den Kritikern zugestimmt. Eine Überschrift, die das reale Bemühen der Gates einem irrealen Feindbild vorzieht, wäre wohl sinnstiftender gewesen; etwa Bill Gates frühe Warnung vor Pandemien. So aber zementiert die Schlagzeile Bill Gates als Feindbild. Sie stellt es nicht in Frage, wie es der Beitrag tut.

    Verstärken kann den negativen Eindruck auch noch der zweite Teil des Titel, die Unterzeile unter der Überschrift: „Früh warnte der Milliardär vor den Gefahren einer Pandemie. Nun mutiert er zum Hassobjekt der Verschwörungstheoretiker“. Das Framing, also die Deutung, letzterer wird so insgesamt stärker befördert. Denn, die Fotos dazu vor Augen, könnte bei flüchtigen Lesern eher die unvorteilhafte Botschaft zu den Gates haften bleiben.

    Der Aufmerksamkeits-Schub

    Nun ist im Journalismus Vorsicht geboten, bevor man Überschriften über Nachrichten eine Botschaft mitgibt. Im vorliegenden Fall freilich wäre es gerechtfertigt gewesen, anders zu gewichten. Die Aussagen des Berichtes über das tatsächliche Wirken der Gates lassen das zu.

    Für feines Ausformulieren der Überschriften fehlt oft Zeit. So unterstelle ich der Redaktion nicht, absichtlich den negativen Aspekt zum Titel erhoben zu haben. Denn negative Schlagzeilen sorgen bekanntlich für einen Aufmerksamkeits-Schub. Man könnte es in der digitalen Welt auch als Suchmaschinen-Optimierung bezeichnen.

    Vorsorgliche Warnung

    Der Ordnung halber halte ich fest: Auch die kritisierte Überschrift lässt sich rechtfertigen. Ein Schwerpunkt des Berichtes gilt den befremdlichen Pöbeleien und Vorwürfen gegen Gates. Vorsorglich und für alle Fälle sei aber gewarnt: Schlagzeilen hinterlassen, was eigentlich nicht sein sollte, ob ihrer Kürze zuweilen nicht ganz den richtigen Eindruck. So empfehle ich nicht nur Zweiflern: Lesen Sie stets den ganzen Artikel.

    Leser-Kritik an der Schlagzeile zu diesem MP-Artikel vom 23. Mai 2020: 'Wie Bill Gates zum Feinbild wurde'
    Leser-Kritik an der Schlagzeile zu diesem MP-Artikel vom 23. Mai 2020: "Wie Bill Gates zum Feinbild wurde" Foto: Repro Sahlender

    Anton Sahlender, Leseranwalt. Siehe auch Vereinigung der Medien-Ombudsleute.

    Frühere Leseranwalt-Kolumnen zu Überschriften:

    2114: "Artikel mit Selbstverständlichkeiten in der Überschrift überblättern viele Leser einfach"

    2116: "Vom Bewusstsein für eine korrekte Überschrift im Stich gelassen"

    2019: "Fragezeichen in Schlagzeilen wohlüberlegt setzen"

    2020: "Corona-Demonstranten nicht über einen Kamm scheren"

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