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    Am Schluss wird auch die CSU ein gewichtiges Wort mitsprechen

    Zum Artikel "Der Kampf um den CDU-Vorsitz" (26.2.):
    Selten waren deutsche und internationale Politik so kompliziert wie heute. Da sind Beobachten, Zuhören, Abwägen, Geduld und Unaufgeregtheit nicht die schlechtesten Ratgeber. Auch wenn dies Bundeskanzlerin Angela Merkel in weiten Teilen der Medien derzeit als Nachteil ausgelegt und mit Stillstand verwechselt wird. Entscheidend ist jedoch, gepaart mit Intellekt und Erfahrung, am Schluss einer Debatte auf Dauer die bestmögliche Entscheidung zu treffen. Daraus resultiert Souveränität im politischen Denken und Handeln. Es sind höchste Anforderungen, die ein Steuermann in permanent rauher See zu bewältigen hat. Dieses Urvertrauen haben die weitaus meisten Deutschen in unsere Kanzlerin, die seit 15 Jahren recht unaufgeregt regiert und nicht nur international höchstes Ansehen genießt. Zum Wohl des gesamten, in sich naturgemäß heterogenen Volkes. Vor diesem Hintergrund macht Politik besonders viel Spaß, wenn die Streithähne aus dem oberen Segment einer Partei ihre Komfortzone verlassen, Um sich für Spitzenämter der Zukunft zu bewerben. Damit kommt Schwung in die politische Diskussion und Entscheidungsfindung.
     
    Bei der hier beleuchteteten CDU war es zunächst Norbert Röttgen, dem als außenpolitischer Sprecher des zuständigen Bundestagsausschusses scharfer Verstand und brillante Redekunst nachgesagt werden. Doch eine wenig glückliche Karriere und die bisherige Konzentration lediglich auf Außenpolitik setzen seinem persönlichen Ehrgeiz deutliche Grenzen. Er dürfte es als "intellektueller Solist" schwer haben, die Gunst der Delegierten beim für Ende April in Berlin vereinbarten Sonderparteitag um den künftigen CDU-Vorsitz für sich zu gewinnen. Das gilt in dessen Mehrheit auch für Friedrich Merz. Dessen Leidenschaft für die Politik ist besonders augenfällig auf die eigene Person ausgerichtet. Er, der Mann klarer Worte und vereinfachter Visionen, versteht es zwar Zuhörer zu mobilisieren, doch halten viele seiner holzschnittartigen Denkmuster einer Gesamtbetrachtung der jeweiligen Problematik kaum mehr stand. Ein Beispiel ist die europäische Geld- und Fiskalpolitik. Insofern müsste man sich daran gewöhnen, dass der einseitige Lobbyist von Wirtschaftsinteressen häufig zum Zurückrudern von steilen Thesen genötigt wäre. So wirkt seine Einschätzung "grottenschlechter" Berliner GroKo-Politik immer noch nach. Es reicht nicht, jedesmal die Lage eingangs als dramatisch zu beschreiben, um sich anschließend als Heilsbringer zu stilisieren. Klar wurde in der Bundespressekonferenz dieser Woche, Merz ist mehr Einzelkämpfer als Teamplayer, als möglicher Kanzler würde er gerne von oben durchregieren. Mit ihm würde die CDU ein Stück weit nach rechts gesteuert, ohne die AfD zu halbieren, wie er stets verspricht. Den behaupteten Nachweis von Aufbruch und Erneuerung ist Friedrich Merz in den zurückliegenden Jahrzehnten schuldig geblieben. Seine persönliche Vorwärtsstrategie, er setzt auf Richtungentscheidung als Sieg im Alleingang.
     
    Es war ein kluger Schachzug des eher liberal eingestuften  NRW-Landesvorsitzenden und Ministerpräsidenten Armin Laschet, seinen und der übrigen Kandidaten Rivalen Jens Spahn zur Unterstützung ins Boot zu holen. Was Merz ablehnte. Der medienpräsente Gesundheitsminister, wie Merz und Röttgen aus dem eigenen mächtigen Landesverband und mit Abstand Jüngster der Kandidaten, gilt als betont konservativ, zuweilen Merkel-Kritiker und weiß zudem die Junge Union hinter sich. Der allseitige Wunsch nach Harmonie wird dieses Zweier-Tandem befördern. Realistischerweise garantieren nur die beiden ein funktionierendes Miteinander von Adenauerhaus und Kanzleramt bis zum allseitigen Ziel Bundestagswahl 2021. Armin Laschet steht für Versöhnung statt Spaltung, Toleranz, Europa und Weltoffenheit statt Abschottung. Ecken und Kanten sucht man freilich bei ihm vergebens. Eine moderate Flüchtlingspolitik mit schärferen Granzkontrollens sind bei ihm ebensowenig Gegensätze wie Industrie- und Klimapolitik. Am Schluss wird auch die bayerische Schwesterpartei CSU in deren Jubiläumsjahr ein gewichtiges Wort mitzusprechen haben. Es sind die beiden letzten Volksparteien in Deutschland.
     
    Jochen Freihold, 14052 Berlin

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