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    Es braucht einen Wandel in unseren Köpfen

    Der Gastbeitrag hat ein wichtiges Thema angesprochen. Allerdings würden wir nach 14-jähriger ärztlicher Erfahrung in Afrika die Kausalität der Aussage im ersten Satz umdrehen: die menschenunwürdigen Lebensbedingungen sind nicht die Folge des Bevölkerungswachstums, sondern deren entscheidende Ursache.

    Nach dem Model des sog. demografischen Überganges ist es weltweit, vor hundert Jahren auch in Europa, nach Rückgang der damals hohen Kindersterblichkeit im Intervall von einigen Jahrzehnten langsam zur Abnahme der Geburtenraten gekommen. Der Prozess vollzieht sich dort am schnellsten, wo sich die Lebensbedingungen der Menschen verbessern. Kriege, Konflikte und extreme Armut haben das Gegenteil zur Folge. Wenn Sterbe- und Geburtenraten auf gleichem Niveau sich einpendeln, bleibt die Bevölkerungszahl etwa konstant, wie in den meisten Ländern Europas. Auch innerhalb der Länder befinden sich die Bevölkerungsgruppen in unterschiedlichen Phasen des Überganges: Unsere gut ausgebildeten Kollegen und Mitarbeiter in Tansania hatten 2-3 Kinder, die Frauen im Dorf meist mehr, die Ärmsten am meisten.

    Bei den UN-Weltbevölkerungskonferenzen in den 70er und 80er Jahren wurde anerkannt, dass eine effektive Geburtenkontrolle nicht zu erreichen ist durch Familienplanungsmaßnahmen allein. Vielmehr muss sie kombiniert sein mit Programmen zur Senkung der Mütter- und Kindersterblichkeit und mit Förderung von Mädchen und Frauen durch Bildung und Beschäftigung.

    In den allermeisten Staaten Afrikas sinkt die Kindersterblichkeit und auch die Geburtenrate seit Jahrzehnten, deshalb ist der Begriff „Bevölkerungsexplosion“ (7 x im Artikel) aus unserer Sicht nicht angemessen. Wie im Gastbeitrag gefordert, ist es dringend erforderlich, intensiv und flächendeckend die Familienplanungsprogramme für Mädchen und Frauen zu unterstützen, allerdings nur in Kombination mit Durchsetzung der Frauenrechte auf Bildung, Gesundheit und Gleichberechtigung.

    Sie schreiben, dass „die Zukunft der Menschheit durch die Bevölkerungsexplosion stärker bedroht sein dürfte als durch den Klimawandel“. Handelt es sich dabei nicht um ein und dasselbe Problem? Die Ideologie des kontinuierlichen Wirtschaftswachstums und unsere konsumorientierte, Natur zerstörende Lebensart sind die Verursacher des Klimawandels, sie sind nicht zukunftsfähig und deshalb auch kein Vorbild für andere Länder. Wirtschaftswachstum und menschliche Entwicklung für zukünftige Generationen kann nur möglich sein, wenn wir ökologische Nachhaltigkeit und Qualität statt Quantität als Wachstumsprinzip akzeptieren und anstreben, bei uns genauso wie in den sich entwickelnden Ländern. Es bedarf mutiger politischer Entscheidungen und technischer Lösungen, aber vor allem einen Wandel in unseren Köpfen.

    Dr. Päivi Köhler und Dr. Bernhard Köhler, 97236 Randersacker

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