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    Warum wird ausgerechnet beim Tierwohl auf Freiwilligkeit gesetzt?

    Vier Logos für lebenslang gequält bis artgerecht gehalten. Tiere als beliebige Biomasse. Wie krank ist diese Republik, dass wir uns Menschen ein Grundgesetz zubilligen, das für jeden gilt, Gerichte von jedem bemüht werden können und wir dennoch nicht in der Lage sind, Tiere mit Achtung vor dem Leben zu halten? Dieses Logo ist die Beschreibung des Wahnsinns in unseren Ställen. Haltungsform l ist reine Stallhaltung mit Platz zum Liegen und Stehen, das muss genügen. Schlimmer geht es nicht. Haltungsform 2 ist zehn Prozent mehr Platz. Sehr komfortabel! Haltungsform 3, also Stallhaltung mit Frischluftkontakt, bedeutet nicht Aufenthalt im Freien, sondern kann auch nur gekipptes Fenster sein. Wie fürsorglich! Immerhin steht das Tier auf kleinstem Raum und darf ahnen, wie es da draußen sein könnte! Zudem zieht der beißende Ammoniakdampf ab. Das neue Label ist ein Offenbarungseid der Ignoranz. Nur Haltungsform 4 mit Auslauf im Freien wäre in Ordnung. Ich kann mich an Zeiten erinnern, da gab es einmal wöchentlich den Sonntagsbraten. Und das war sicher kein Billigfleisch, denn es sollte ja etwas Besonderes sein. Waren die Menschen unglücklich, weil sie unter einem Fleischmangelsymtom litten?

    Dr. Gerd Grosser, 97422 Schweinfurt

    Da der Artikel am 1. April erschien, dachte ich zuerst an einen schlechten Aprilscherz. Beim zweiten Lesen dämmerte mir, dass das neue Tierwohl-Logo „Haltungsform“ von den Supermarktketten tatsächlich eingeführt wird. StallhaltungPlus als Stufe 2 ist mit zehn Prozent mehr Stall-Platz als gesetzlich vorgeschrieben schon nicht mehr Standard, sondern „Superior“. So kennen wir Menschen das ja auch im Zusammenhang mit unseren Hotelbuchungen. Nur dass wir im Gegensatz zu den Tieren dort nicht ein Leben lang auf engstem Raum eingepfercht sind, bei Unwohlsein mit Antibiotika vollgepumpt werden, nie an die frische Luft kommen. Was für ein Schlag ins Gesicht der Tiere, deren Haltung qualvoll war, ist und wohl noch lange bleiben wird. Denn wie lange wird es wohl dauern, bis die Mehrzahl der Verbraucher freiwillig auf das Tierwohl achtet und für die Premium-Variante angemessen zahlt? Warum wird ausgerechnet beim Tierwohl auf Freiwilligkeit gesetzt, statt durch zentrale Gesetze für bessere Lebensbedingungen zu sorgen? Seit 2002 ist der Tierschutz als Staatsziel im Grundgesetz verankert, was ihm eigentlich zu einem hohen Stellenwert in unserem Rechts- und Wertesystem verhelfen sollte.

    Dr. Ulrike Schneider, 97421 Schweinfurt

    Wie schön wäre es, wenn die Fleisch- und Wurstverpackungen in den vier Stufen ein Garant wäre, dass den zu verarbeitenden Tieren zu Lebzeiten „Tierwohl“ zugestanden worden wäre. Fakt ist in der grauen Realität, dass den Mast- und Schlachttieren in den meisten Fällen drei Höllen bevorstehen: Aufzucht und Mast, Transporte, Schlachthöfe. Ferkel haben zusätzlich grauenvoll zu leiden: Kastration, Schwanzverkürzungen und Zähneschleifen – jeweils ohne Betäubung. Das größte Defizit beim sogenannten Tierwohl ist das Fehlen der unangekündigten Kontrollen durch die zuständigen Tierschutzbehörden. Bei dem neuen Label „Stallhaltung“ sind nach wie vor unvorstellbare Qualen realistisch. Die brutalste Form müssen Hähnchen, Hennen und Truthähne durchleben. Der Rindertransport bis in den Mittleren Osten wurde durch die EU mit einer Prämie belohnt. Solange es Schlachthöfe gebe, werde es auch Schlachtfelder geben, meinte Leo Tolstoi.

    Walter Maschke, 97074 Würzburg

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