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    Optionen für die Energiewende

    Zum Artikel "Die Trassen zu bauen wäre bedauerlich und teuer" (30.4.)

    Herr Kleedörfer von der Aktiengesellschaft N-Ergie hält die Übertragung von großen Strommengen aus dem Norden nicht für notwendig und plädiert stattdessen für den Ausbau der Photovoltaik und Gaskraftwerke in Bayern.  N-Ergie ist als regionaler Stromanbieter mit nahezu der Hälfte der Energieerzeugung mit fossilen Brennstoffen unterwegs, die erneuerbaren Energiequellen sind vorwiegend Wasserkraft und Sonnenenergie. Herr Kleedörfer erscheint eher als Lobbyist in eigener Sache unterwegs zu sein. Denn das Geschäftsmodell N-Ergie ist gefährdet durch den Kohleausstieg und die CO2 Bepreisung, die in den nächsten Jahren die Stromkosten aus fossilen Brennstoffen erheblich verteuern werden. Zusätzlich gefährden die kostengünstigeren Windstrommengen aus den Trassen das N-Ergie Geschäftsmodell. Es ist also nachvollziehbar, dass Kleedörfer die Trassen ablehnt und stattdessen für den dezentralen Ausbau  in Bayern plädiert.      

    Ist diese Sichtweise volkswirtschaftlich sinnvoll? Photovoltaik hat in Bayern einen Nutzungsgrad von nur ca. 11%, d.h. den Strombedarf in Bayern vorrangig dezentral über Photovoltaik darzustellen bedarf riesiger Flächen. Nachdem Nachts und an trüben Tagen die Photovoltaik keinen Strom liefert ist ersatzweise eine nahezu komplette Stromversorgung über Gaskraftwerke abzusichern. Im Prinzip wären für den Strombedarf in Bayern zwei komplette Technologiesysteme aufzubauen. Für N-Ergie wäre dies das ideale Geschäftsmodell, auf Jahre hinaus hohes Wachstum bei geringer Konkurrenz, da der Import großer Strommengen mangels Trassen nicht möglich wäre. Die Schwachstelle dieses Geschäftsmodelles wäre die Gaskraftwerke mit fossilem Erdgas befeuern zu müssen. Wasserstoff mit Hilfe der Elektrolyse gewonnen aus Windkraft im Norden soll den Nachteil kompensieren und ins vorhandene Erdgasnetz eingespeist werden. Unterstellt wird, das bestens ausgebaute Erdgasnetz bedarf keiner weiteren Investition.

    Laut „Wissenschaftliche Dienste des Deutschen Bundestages“ liegen die Grenzen für die Einspeisung von Wasserstoff ins Erdgasnetz aber nur bei einem geringem Anteil von 1 bis 10 Vol. %. Für Bayerns große Strombedarfsmengen müsste der durch Elektrolyse gewonnene Wasserstoff in einem weiteren Prozessschritt methanisiert werden, d.h. der Wasserstoff muss mit CO2 aus fossilen Kraftwerken in Methangas umgewandelt werden. Nachdem die mit fossilen Brennstoffen betriebenen Kraftwerke abgeschaltet werden, müsste in einem weiteren Verfahrensschritt das CO2 aus der Luft sehr aufwändig gewonnen werden. Während inaktiver  Photovoltaik in Bayern müsste in Gas-Dampfkraftwerken die Energie des Methan in elekt. Strom umgewandelt werden. Selbst wenn fossil gewonnenes CO2 noch für viele Jahre verfügbar wäre, würden sich die Wirkungsgrade der vielen Prozessschritte – Elektrolyse 70%, Methansisierung 80%, Gaskraftwerk 60%  - auf nur noch ca. 33% (0,7 x 0,8 x 0,6) reduzieren.  Entsprechend wäre deshalb ein ca. 300%-iger Ausbau der Windkraft im Norden erforderlich. Für alle dieser Prozessschritte muss investiert werden, diese Kosten dürften die Investitionen der Stromtrassen weit überschreiten. 

    Die Kritiker der Stromtrassen wie auch die Naturschutzverbände sind uns bisher eine bilanzielle Gesamtbetrachtung schuldig geblieben, wie der bayerische Strombedarf dezentral sichergestellt werden kann.

    Inzwischen fällt auf: in Deutschland herrscht in der Bevölkerung ein hohes Anspruchsdenken, stetige Wohlstandsteigerung wird erwartet, die Konsequenzen will man   aber vor der eigenen Haustüre nicht hinnehmen (Not in my backyard). Für die CO2 freie/ arme Energiewende gibt es für Süddeutschland prinzipiell 3 Optionen.

    Opt. 1: Weiterer moderater landschaftsverträglicher Ausbau von Photovoltaik und Windkraft plus großtechnologische Trassen zur Übertragung großer Strommengen aus dem windreichen Norden. Fortführung der Gleichstromtrassen nach Norwegen um bei Windflaute große Strommengen aus Pumpspeicherkraftwerken in den Süden zu bringen.

    Opt.2: Dezentrale Energieversorgung für Bayern mit erneuerbarer Energie (ohne Biogas aus Landwirtschaft), entsprechenden Speicherkapazitäten und zusätzliche Gaskraftwerke. Um eine Vorstellung zu bekommen, wie viel Zubau notwendig wäre: für die Umstellung von PKWs/Kombi auf E-Mobilität würde der jährliche Kraftstoffverbrauch in Bayern von ca. 62 Mrd KWh alleine ca. 5800 Windkraftanlagen (20% Nutzungsgrad, 2,4 MW Anlagen) erfordern. Weitere tausende von Anlagen wären notwendig um den Anteil der erneuerbaren Energien von 44 % (2017) auf das Ziel 70 % in 2025 (bay. Wirtschaftsministerium) zu hieven und die Strom intensiven Server-Farmen (Digitalisierung, Clouds, 5G Mobilfunk u.a.) zu betreiben. Der Wärmemarkt wäre dabei noch gar nicht berücksichtigt.

    Opt. 3: Zubau von Photovoltaik in Bayern, keine Stromtrassen und vereinzelter Ausbau von Windkraft. In der Konsequenz würden Stromlücken und höhere Kosten die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass die großen Stromverbraucher von Industrie und Gewerbe ihre Produktion in den Norden bzw. Ostdeutschland verlagern. Ein erstes Beispiel ist bereits die neue Gigafabrik von TESLA in Brandenburg. Die Standortbegründung war: ausreichende Strommengen aus erneuerbarer Energie. Dann wäre es allerdings vorbei mit bayerischer Überheblichkeit, gut bezahlten Industriearbeitsplätzen und Wohlstandsteigerung.

    Hinsichtlich der Energiewende ist der bay. Wirtschaftsminister Aiwanger offensichtlich ein Totalausfall. Es ist wohl gefälliger über Taschenmesser zu schwadronieren als den Bürgern ein substanzielles Angebot zur Energiewende zu machen. Gefordert ist jetzt Ministerpräsident Söder dem bay. Wahlvolk die Optionen aufzuzeigen und eventuell per Volksentscheid eine mehrheitliche Entscheidung abzuverlangen.

     Erwin Hartmann97493 Bergrheinfeld

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