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    Scheurings Wort zum Samstag: Der Mut der neuen Zeit

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    Das Wort Mut hat eine sehr lange Geschichte und stand einst unter anderem für edle Gesinnung und Tapferkeit. Siegfried, der den Drachen erschlug, galt zu Recht als sehr mutig. Friedrich Schiller wiederum schrieb in seiner Ballade „Der Kampf mit dem Drachen“ relativierend: „Mut zeiget auch der Mameluck, Gehorsam ist des Christen Schmuck.“ Und Immanuel Kant forderte: „Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.“ Inzwischen hat der Begriff Mut eine Mutation durchlaufen. Wer zum Beispiel „Mut zur Lücke“ zeigt, muss nicht mehr ganz so mutig sein wie Siegfried. Gleiches gilt für eine Band, die „mutig Hardcore, Rock und Tanzmusik“ mischt. Ein Künstler, der ein Arrangement aus Müll zusammenstellt, wird für seine „mutige Installation“ gelobt. Ein Magazin präsentiert „Modetrends für Mutige“, eine Stilberaterin empfiehlt schwarzen Lippenstift – „wenn man mutig genug dafür ist“. Am mutigsten sind heute die Architekten. Wenn wieder einmal ein unförmiger, einfallsloser Neubau an einen Ort gestellt wird, an den er passt wie die Faust aufs Auge, ist meist von einer „mutigen Architektur“ oder „mutigen städtebaulichen Form“ die Rede. Ich schlage daher vor, künftig Sängern, die keinen Ton treffen, zu ihrem „mutigen musikalischen Vortrag“ zu gratulieren. Warum denn nicht? Wer weiße Socken zu Sandalen trägt, sendet gewiss ein „sehr mutiges“ optisches Signal. Und wer zwei und zwei nicht zusammenzählen kann und als Ergebnis „fünf“ vorschlägt, stellt nach dieser Logik eine „mutige Rechnung“ auf. Man muss den Mut haben, das auch mal so zu sehen.

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