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    Unterm Strich: Vom motorisierten Leben und Kleben

    Früher ließ sich an den Autoaufklebern ablesen, wie der Fahrer tickt. „Atomkraft? Nein Danke“ klebte als Bekenntnis am Kofferraum des alten Kadett. „Verrücktes Huhn am Steuer“ auf der Ente. „Nicht hupen, Fahrer träumt vom FCB“ am Simca meines Nachbarn. Und „Wer bremst, verliert“ am aufgemotzten 3er-BMW eines Mitschülers. Keinen störte, dass Aufkleber zum Umweltschutz auf den schlimmsten rollenden Rußwerken klebten. Auch nicht, dass das „Stoppt Strauß“ auf meinem rostfarbenen Golf vor allem dazu diente, die Rostlöcher zu tarnen. Mit dem Ford Fiesta eines Freundes fuhren wir selbstvergessen am Ende des jugoslawischen Bürgerkrieges durch Kroatien und Serbien – und hatten verdrängt, dass an der Heckscheibe prangte: „Stell Dir vor, es ist Krieg – und keiner geht hin!“ Dann wurden die gleichen Leute älter und ihre Autos vornehmer. Am Heck des Opel Astra prangte jetzt „Baby an Bord“ oder „m'Buzzele sei Käsespätzle“, oder „Biker im Babyjahr“, oder sogar „Ich bin ein Benziner“ auf dem Audi Quattro. Mancher, der früher „Nein Danke“ aufklebte, fährt nun S-Klasse, Porsche oder SUV. Man will heimlich Aufkleber auf die blank gewienerte Motorhaube klatschen: „Bad Toys for Bad Boys“ oder „Alle reden vom Besaufen, vom Durst spricht keiner!“ oder „Bitte keine Werbung einwerfen!“. Schön ist, mit den Unbekannten zu kommunizieren, die einem ungefragt schwer verständliche Visitenkarten an die Scheibe klemmen. Da schützt der Aufkleber: „Nix verkauf. Nix Karte, meins“. Und mein radelnder Nachbar klebt jetzt rachedurstig Aufkleber: „Sie sind zu blöd, richtig zu parken, Sie Anfänger“.

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