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    Unterm Strich: Von der neuen Lust am Schämen

    Flugreisen waren früher mal etwas für Leute, die es sich leisten konnten. Jetzt scheint es, als ob Flugreisen sich mehr und mehr zu etwas entwickeln, was man sich kaum noch leisten kann, ohne sein Gesicht zu verlieren. In Schweden etabliert sich gerade eine Bewegung, die zum Ziel hat, dass man sich als Flugreisender wie ein richtig fieser Klimakiller vorkommt. „Flygskam“ – so heißt nicht etwa der Bruder von Pippi Langstrumpfs Äffchen, sondern das derzeit angesagte Gefühl, das viele Schweden empfinden, wenn sie sich eingestehen müssen, hin und wieder doch auf den Flieger angewiesen zu sein. Diese „Flugscham“ – die Wikinger unter uns werden die Übersetzung im Blut gespürt haben – hat dem ehemaligen Statussymbol Fernreise gehörig den Marsch geblasen. Man schämt sich, wenn man es selbst nicht schafft, eine weite Reise so zu organisieren, dass man dabei am Boden bleibt, und man schämt sich fremd für die Nachbarn, die zulasten des Weltklimas im Winter nach Asien jetten. Auch in Deutschland macht sich Flugscham breit. Doch wir gehen unseren eigenen Weg. Wir schämen uns mit unseren Spitzenpolitikern, die mit kaputten Regierungsflugzeugen immer öfter auf irgendwelchen Flughäfen dieser Welt festsitzen. Dann darf die ganze Welt mit uns bangen, ob diesmal das bestellte Ersatzteil passt und der Flieger rechtzeitig wieder in Deutschland eintrifft, damit die Kanzlerin ihren Anschlussflug bekommt. Man sieht: Mit Schadstoffreduzierung allein ist die Welt nicht zu retten, denn auch Flugzeuge, die am Boden bleiben, sorgen mitunter für schlechtes Klima.

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