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    BERLIN

    Warum die AfD so stark werden konnte

    Gemeinde Hirschfeld
    Die Gemeinde Hirschfeld im Landkreis Elbe-Elster in Brandenburg. Dort haben 50,6 Prozent der Wähler bei der Landtagswahl ihre Zweitstimme der AfD gegeben. Bis zur Landesgrenze nach Sachsen sind es nur einige Kilometer. Foto: Patrick Pleul, dpa
    „Es gibt eine ganze Menge an rechtsdenkenden Menschen, die einfach wollen, dass eine rechte Partei an die Macht kommt.“
    Michael Lühmann, Politikwissenschaftler

    Wer wählt warum die Alternative für Deutschland? Über dieses Thema können sich Politiker, Politikwissenschaftler, Soziologen, aber auch Familien am Esstisch und Cliquen beim Grillen seit Jahren problemlos die Köpfe heiß reden. Seit Sonntag hat diese Debatte neue Nahrung in Form von fulminanten Zugewinnen der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg erhalten.

    In den letzten Jahren war ein gängiges Erklärungsmuster, dass die AfD ihre spektakulären Erfolge im Osten in erster Linie Bürgern verdankt, die sich von der Politik abgehängt fühlen, Furcht vor der Globalisierung haben und sich Sorgen vor negativen Auswirkungen durch die hohen Flüchtlingszahlen seit 2015 machen. Oder kurz gesagt: Bei den AfD-Wählern handele es sich ganz überwiegend um Protestwähler und nur zu einem geringen Teil um Menschen, die aus einem fest gefügten rechten oder gar rechtsradikalen Weltbild heraus konsequent eben auch rechtsaußen wählen.

    Doch an dieser Version mehren sich die Zweifel. Der aus Leipzig stammende Politikwissenschaftler Michael Lühmann hegt sie schon lange: „Erhebliche Teile der Wählerschaft stimmen durchaus ideologisch überein. Es gibt eine ganze Menge an rechtsdenkenden Menschen, die einfach wollen, dass eine rechte Partei an die Macht kommt oder zumindest stark wird“, sagt der 39-jährige Wissenschaftler von der Universität Göttingen im Gespräch mit dieser Redaktion.

    Eine Einschätzung, die von der Analyse des Meinungsforschungsinstituts forsa gestützt wird: „Die Wähler der AfD sind auch in den ostdeutschen Ländern eine recht homogene, überwiegend von Männern getragene verschworene Gemeinschaft, die großes Misstrauen gegenüber anderen Menschen, das Gefühl subjektiver Benachteiligung, extreme Statusängste, eine Verachtung des gesamten politischen Systems und eine große Anfälligkeit für völkisches Gedankengut eint“, formulierte forsa-Chef Manfred Güllner am Montag nach der Wahl.

    Tatsächlich zeigt die Analyse der Wahlergebnisse, dass es nicht zuletzt Frauen und die Senioren verhindert haben, dass die AfD in Sachsen und Brandenburg noch deutlich stärkere Ergebnisse erzielt hat. Lühmann erinnert zudem daran, dass es auch in der DDR Rechtsextremismus gab und dass der von der SED zur Schau getragene Antifaschismus letztlich „hohl“ war.

    Die Frage ist, ob und wann ein weiterer Rechtsruck der AfD langfristig schaden könnte. Für Lühmann ist deutlich sichtbar, dass sich auch Teile der Gesellschaft in Richtung rechts verschoben haben, Tabus nicht mehr gelten. „Ich habe das Gefühl, dass da ein bisschen die Haltekräfte der Demokratie ins Rutschen gekommen sind. Dass, was Björn Höcke oder der Chef der Brandenburger AfD, Andreas Kalbitz, heute sagen, hätte noch vor fünf Jahre nicht funktioniert.“

    Die Radikalisierung werde in manchen Regionen Deutschlands mit Befremden aufgenommen, in anderen falle sie auf fruchtbaren Boden. Dieses Phänomen als Ost-West-Gegensatz zu konstruieren oder die Gleichung aufzustellen, dass dort die AfD stark ist, wo es den Menschen wirtschaftlich schlecht geht, hält Lühmann für falsch: „Mein Lieblingsbeispiel dafür, dass dieses Muster nicht stimmt, ist das wirtschaftlich weit schlechter als Chemnitz gestellte Rostock. Dort kam die AfD bei den letzten Wahlen auf 12,8 Prozent, in Chemnitz hat die Partei jetzt fast das Doppelte erreicht.“

    Der Demoskop Güllner pocht darauf, dass gerade die CDU und die SPD nicht aus der Verantwortung entlassen werden dürften, wenn es um die Erfolge der AfD geht. Schließlich hätten diese Parteien der „Entfremdung zwischen Politik und Bürgern“ über viele Jahre kaum etwas entgegengesetzt.

    Im Übrigen werde gerne unterschlagen, dass der Rückgang von CDU und SPD schon längst begonnen hatte, als die AfD 2013 und 2014 auf der Bildfläche erschien. Aber auch die Rolle der Medien sieht Güllner kritisch. So ärgert er sich, dass der „Spiegel“ die AfD schon vor den Landtagswahlen zur neuen „Volkspartei im Osten“ hochgeschrieben habe. Genau dies sei sie jedoch auch nach der Wahl keineswegs. Das sieht Lühmann ähnlich: „Dazu braucht es ein breit aufgestelltes Programm, Wahlergebnisse, die in Richtung 40 Prozent gehen und eine gewisse Kontinuität. Diese Bedingungen erfüllt die AfD nicht.“

    Was muss sich ändern, damit es bei dieser Diagnose bleibt? Lühmann hofft darauf, dass im Osten 30 Jahre nach der Wende endlich offen die Aufarbeitung beginnt: „Man müsste mal darüber reden, wo kommen wir her, was haben wir eigentlich 1990 gewollt und was ist dann tatsächlich passiert? Das wird ein schmerzhafter Prozess, keine Frage.“ Dass diese Debatte nur im Osten gestartet werden könne, liege an den Ressentiments, die es dort gegenüber den „Besser-Wessis“ unverändert gebe.

    Für Lühmann ist sie unerlässlich, um mit den „Lebenslügen“ zu brechen, die vielen Ostdeutschen die Möglichkeit geben würden, die Schuldigen für ihre Situation oft bei anderen zu suchen.

    Von Simon Kaminski

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