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    Unterm Strich: Höchste Zeit für einen neuen Urknall

    In der Zeitung hieß es, eine Rückkehr in unser altes Leben werde es nicht geben. Wir alle müssten uns auf andere Umstände einstellen, auf das „neue Normal“. Langsam sickert ins kollektive Bewusstsein, was damit gemeint ist. Neues Spiel, neues Glück, ohne all die Exzesse einer aus den Fugen geratenen Welt. Die Krise, so wird suggeriert, bietet nun die einmalige Chance, mit unserem bisherigen Leben zu brechen. Alles wird gerade neu geeicht von den Moralaposteln der Neuzeit. Im Radio sagten sie, dass Zirkusse sich jetzt fragen müssten, ob Tiere in der Manege nach Corona noch zeitgemäß seien. Wo da der Zusammenhang sein soll, blieb offen. Im Fernsehen ging es darum, gewisse Reiserituale zu überdenken und – Stichwort: Kreuzfahrten – gegebenenfalls über Bord zu werfen. Und auf sämtlichen Kanälen wird wegen des Fleisch-Skandals bei Tönnies dringend dazu geraten, unser Essverhalten zu hinterfragen. Möchten wir das? Wollen wir einen Neuanfang auf allen Ebenen? Das ist offenbar nicht mehr die Frage, sondern inzwischen als kategorischer Imperativ gemeint. Gut, dann lasst uns 300 000 Jahre Geschichte des Homo sapiens vergessen. Lasst uns die Erde neu vermessen und einfach noch einmal von vorn anfangen. Bei Stunde null, mit einem neuen Urknall – ohne Kapitalismus, ohne Plastik und ohne Andreas Scheuer. In schätzungsweise vier Milliarden Jahren wird die Nachwelt uns für unseren Weitblick rühmen und ehren. Sie werden unsere Spuren dem Staub entreißen und sagen, dass am Ende alles gut wird. Und wenn es nicht gut ist? Dann fangen wir halt noch mal neu an.

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