• aktualisiert:

    Scheurings Wort zum Samstag: Eine verhexte Situation

    _
    _

    Um die Schuld einer Hexe zu beweisen, gab es im Mittelalter verschiedene Möglichkeiten. Eine davon war die Wiegeprobe. Wog die Beschuldigte deutlich weniger als normale Menschen – Hexen waren leicht, da sie fliegen konnten – kam es zur Anklage. Wog sie mehr, sah sie sich mit dem Vorwurf konfrontiert, die Waage verhext zu haben und wurde meist ebenfalls verurteilt. Der Gerechtigkeit wurde so in jedem Fall Genüge getan. Der US-Verlag Hachette hat vor kurzem entschieden, die Autobiografie des Filmregisseurs Woody Allen nicht wie geplant am 7. April zu veröffentlichen. Hintergrund ist der Vorwurf, Allen habe 1992 seine Adoptivtochter missbraucht. Allen wies den Vorwurf zurück. Untersuchungsbehörden konnten keine Beweise für den Missbrauch feststellen. Woody Allen nützt all das nichts, denn es geht nicht um Fakten, sondern um Stimmungen und öffentlichen Druck. Daher erscheint sein Buch in den USA nicht, auch in Deutschland gab es bereits Proteste gegen die Veröffentlichung. Allens letzter Film kam in den USA nicht ins Kino, die Produktionsfirma kündigte die Zusammenarbeit auf. Schauspieler, die einst froh waren, mit Allen filmen zu dürfen, distanzierten sich von ihm. Das Urteil steht für viele fest, obwohl es nie ein Urteil gegeben hat. Ein juristischer Grundsatz lautet: „Im Zweifel für den Angeklagten“. Allen ist nicht einmal angeklagt. Der Regisseur und Autor klagt, es werde eine Hexenjagd auf ihn veranstaltet. Vielleicht sollte man Woody Allen einer Wiegeprobe unterziehen – dann ließe sich die Frage, ob er schuldig ist oder nicht, vermutlich schnell klären.

    Kommentare (0)

      Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!