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    Istanbul

    Als der Terror Berkay Akbas aus dem Leben riss

    An einem Dezemberabend fährt der Student am Stadion des Istanbuler Fußballklubs Besiktas vorbei. Dann explodiert eine Bombe. Die Eltern machen der Regierung Vorwürfe.
    Abschied für immer: Mutter Zeynep und Vater Salim Akbas (Bildmitte, mit Bart) am Sarg ihres getöteten Sohnes Berkay am 12. Dezember 2016 in der Stadt Sinop. Foto: Gökhan Gücüklüolu, Anadolu Agency, Getty Images

    Ein Feuerball erleuchtete am Abend des 10. Dezember 2016 den Nachthimmel über Istanbul. 400 Kilogramm Sprengstoff detonierten mit einer solchen Wucht, dass sich selbst am anderen Ufer des Bosporus noch Menschen auf den Boden warfen. Auf der europäischen Seite der Stadt regneten Glasscherben auf die Menschen herab, die sich am Fußballstadion von Besiktas befanden. Und bevor irgendjemand verstehen konnte, was passiert war, detonierte auch schon eine zweite Bombe.

    Solange PKK-Chef Abdullah Öcalan inhaftiert sei, so lange werde es für die Türken keine Ruhe geben, erklärte das PKK-Terrorkommando „Freiheitsfalken Kurdistan“, das sich zu der Tat bekannte. Drei Jahre ist das nun her. Die Toten sind begraben, die Täter abgeurteilt und hinter Gittern. Für die Hinterbliebenen aber ist das Leiden unvermindert weitergegangen.

    Zum Beispiel für die Hinterbliebenen des damals 19-jährigen Medizinstudenten Berkay Akbas. Der fuhr am 10. Dezember 2016 in einem Sammeltaxi an dem Stadion vorbei, als die erste Bombe - ein sprengstoffbeladenes Fahrzeug - hochging. Der schlaksige Junge mit blondem Pferdeschwanz und Brille studierte in Ankara und war mit Freunden übers Wochenende nach Istanbul gekommen. Das Spiel zwischen Besiktas und dem Provinzklub Bursa hatten sie nicht besucht, obwohl Berkay glühender Fußballfan war: Seine Loyalität galt dem rivalisierenden Istanbuler Verein Fenerbahce, dessen Fahne zwei Tage später über seinen Sarg gebreitet wurde. Die Begegnung im Stadion von Besiktas war beendet, als Berkay an der Kreuzung vorbeikam, einem Verkehrsknotenpunkt im Herzen von Istanbul. „Er kam zufällig vorbei“, sagte sein Vater Salim Akbas bei der Beerdigung am 12. Dezember. „Ein Zufall, weiter nichts. So leicht ist das. So billig.“

    Mit wachsender Unruhe hatten die Eltern aus der Schwarzmeerstadt Sinop in der Terror-Nacht nach ihrem Sohn gesucht, als sie aus den Nachrichten von dem Anschlag hörten und Berkay nicht erreichen konnten. Weil sie ihn nicht ans Telefon bekamen, starteten sie eine Suchaktion auf Twitter. Vergeblich. „Mein Sohn wollte Arzt werden, um anderen Menschen zu helfen“, sagte sein Vater Salim türkischen Medien. Stattdessen sei es Berkay gewesen, der in einen Rettungswagen geladen und ins Krankenhaus gefahren wurde. Dort starb er.

    Berkay Akbas ist einer von fast 50 Menschen, die dem Terror von Besiktas zum Opfer fielen. Es war einer von mehreren Terroranschlägen im Jahr 2016 in Istanbul. Allein an jenem Dezemberabend wurden mehr als 200 Menschen verletzt. Erst vor wenigen Monaten erlag ein junger Polizist, der zur Sicherung des Fußballspiels eingesetzt war, im Krankenhaus seinen Verletzungen. Mehr als zwei Jahre später. Im Grunde, sagte jetzt Zeynep Akbas, sei die Opferzahl noch höher. „Ich lebe seit diesem Tag auch nicht mehr, ich sterbe jeden Tag aufs Neue.“ Zeynep Akbas ist die Mutter Berkays, eine Architektin. Sie gab anlässlich des Jahrestages des Anschlags der Zeitung Hürriyet ein bewegendes Interview. In dem erklärte sie auch: „Man sagt, das Leben gehe weiter, aber das stimmt nicht: Für mich ist das Leben vorbei.“

    Sie riecht ans einer Kleidung und küsst seine Fotos

    Nur ihrer Tochter und ihrem Mann zuliebe mache sie weiter. Zeynep Akbas hat sich den Namen ihres Sohnes auf den rechten Arm tätowieren lassen. Ein Versuch, ihn immer bei sich zu fühlen. Um den Hals trägt sie ein Medaillon mit seinem Porträt. Sein Zimmer hat sie nicht ausgeräumt und will es auch nie tun. Manchmal geht sie hinein, riecht an seiner Kleidung, küsst seine Fotos, spricht mit ihm und erinnert sich daran, wie sie zusammen in Fenerbahce-Trikots Fußballspiele im Stadion sahen. „Wenn ich doch noch einmal seine Stimme hören könnte, wie er ,Mutter‘ sagt“, sagte sie. „Ich würde meine Seele dafür geben.“ Bei einer Gedenkstunde zum Jahrestag wurde am 12. Dezember am Anschlagsort der Opfer gedacht. In der Türkei gibt es immer wieder derartige Veranstaltungen - schließlich gibt es auch zehntausende Opfer und hunderttausende Angehörige. Mehr als 40 000 Todesopfer zählt die türkische Regierung allein in der Auseinandersetzung zwischen dem Staat und den Extremisten von der PKK, der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans. Die kämpft seit Jahrzehnten für einen unabhängigen kurdischen Staat auch auf türkischem Gebiet beziehungsweise für mehr Autonomie. Ein blutiger Kampf, der genährt wird vom Gefühl, diskriminiert zu werden. Und es kommen weitere Todesopfer hinzu, mehrere hundert Menschen, die bei Anschlägen islamistischer Extremisten - von türkischen Al-Kaida-Gefolgsleuten bis zu Mitgliedern des Islamischen Staates - und beim Putschversuch im Juli 2016 ums Leben gekommen sind.

    Terror und Gewalt sind in der Türkei eher die Regel als die Ausnahme

    Terror und Gewalt ist in der Türkei, welch bittere Feststellung, eher die Regel denn die Ausnahme. Und so waren auch Friedensverhandlungen zwischen Ankara und der PKK ein Jahr vor dem Anschlag vom Besiktas-Stadion an neuen Kämpfen gescheitert. Seitdem setzt die Regierung von Präsident Recep Tayyip Erdogan auf Härte. Der Einsatz von Kampf- und Aufklärungsdrohnen macht PKK-Trupps in Südostanatolien das Leben schwer. Mit Luftangriffen und einem Bodentruppen-Einsatz im Norden des Irak werden zudem die Versorgungswege der kurdischen Rebellen gestört, deren Hauptquartier im Irak liegt. Der im Oktober gestartete Einmarsch der türkischen Armee in Syrien soll zudem die syrisch-kurdische Miliz YPG, den syrischen Ableger der PKK, aus dem Grenzgebiet verdrängen. Inzwischen seien nur noch rund 500 PKK-Kämpfer auf türkischem Staatsgebiet, sagte Innenminister Süleyman Soylu kürzlich. Schwere PKK-Anschläge wie den am Stadion von Besiktas hat es seit 2016 nicht mehr gegeben.

    Auch die juristische Aufarbeitung ist abgeschlossen. Vier mutmaßliche Haupttäter des Anschlags und 14 Helfer wurden im Mai 2019 zu Haftstrafen von zusammengerechnet rund 5000 Jahren verurteilt. Doch die Siegesmeldungen des türkischen Staates - sie sind möglicherweise verfrüht. Denn das Ende des Dialogs zwischen dem türkischen Staat und der PKK, die Demonstration der Härte treiben den Rebellen nach wie vor neue Kämpfer und Sympathisanten zu. Angestachelt von Verhaftungen und Amtsenthebungen gewählter kurdischer Politiker, verbittert über die schlechte wirtschaftliche Lage in den Kurdengebieten und der Perspektivlosigkeit vieler junger Kurden... die PKK bleibt höchst gefährlich. Erst in den vergangenen Tagen hob die Polizei laut Medienberichten im türkischen Kurdengebiet ein Waffen- und Munitionslager aus. Die kurdischen Extremisten hatten rund hundert Kilogramm Plastiksprengstoff und hundert Raketenwerfer versteckt. Auch vom Islamischen Staat geht nach wie vor Gefahr aus. Kritiker im In- und Ausland werfen der türkischen Regierung vor, mit dem jüngsten Syrien-Einmarsch den Dschihadisten die Gelegenheit gegeben zu haben, sich neu zu formieren.

    40 Mitglieder des IS festgenommen

    Vor zwei Monaten nahm die Polizei mehr als 40 mutmaßliche Mitglieder des Islamischen Staates fest, die Anschläge am türkischen Nationalfeiertag am 29. Oktober geplant haben sollen. Auch der Geheimdienst kann nicht garantieren, dass die Anschlagsgefahr wirklich vorbei ist. Zeynep Akbas, die Mutter des Terroropfers Berkay Akbas, macht all das wütend. Wie habe es geschehen können, dass vor drei Jahren ein mit hunderten Kilogramm Sprengstoff beladenes Fahrzeug mitten in die Stadt gelangte? Diese Frage lässt sie nicht los. Der Staat habe versagt, er habe ihren Sohn nicht schützen können, lautet ihre Antwort. Zeynep Akbas klagt an: „Als Mutter habe ich das Recht, diese Fragen zu stellen“, sagte sie nun. „Hat der Staat nicht die Pflicht, seine Bürger zu schützen?“ Es klingt seltsam, doch diese Frage wird als ungewöhnlich empfunden in der Türkei, deren Gesellschaft den Hinterbliebenen von Krieg und Terror einen stoischen Gleichmut abverlangt. „Vatan sagolsun“ lautet die Floskel, mit der die Eltern von gefallenen Soldaten dem Vaterland kondolieren - und nicht umgekehrt. „Es lebe das Vaterland.“

    Und als Kriegsgefallene werden in der Türkei auch die Opfer von Terrorismus behandelt. Sie werden als „Märtyrer“ bezeichnet, bekommen eine türkische Fahne auf den Sarg gelegt. Wie auch Berkay Akbas. Sein Vater Salim, ein Bauingenieur, verwahrte sich dagegen. Erfolglos. „Nein, mein Sohn ist nicht als Märtyrer gefallen“, sagte er an dessen Grab. „Er ist ermordet worden.“ Und auch er klagte an - den türkischen Staat: „Seit Jahren verfluchen wir den Terror, als ob er sich dadurch beenden ließe. Sie Blumen ab, und sonst tun sie nichts.“ Die Behörden haben Berkays Eltern eine Schadensersatzzahlung von rund 5000 Euro und eine Hinterbliebenenrente von umgerechnet 18,85 Euro monatlich zugesprochen. Salim Akbas regt das auf. „Wenn sie uns Milliarden gäben, würde das keinen Finger von ihm zurückbringen“, meint er. Aber dass das Leben seines Sohnes so wenig wert gewesen sein soll? „Das tut weh.“ Seine Frau und er finanzieren mit dem Geld, das sie für die Ausbildung ihres Sohnes zurückgelegt hatten, nun zwei Stipendien für Medizinstudenten. Sie sollen Berkays Traum leben und Arzt werden.

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