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    München

    Antisemitismus: „Wir haben eine neue Eskalationsstufe erreicht“

    In München gibt es zwei Fälle von Judenhass innerhalb von drei Tagen. „Wir haben eine neue Eskalationsstufe erreicht, die bedenklich ist", sagt Marian Offman, Münchner SPD-Stadtrat.
    Viele Männer jüdischen Glaubens tragen eine Kippa. Foto: Fredrik von Erichsen, dpa

    Eigentlich ist es eine hübsche Wohngegend, in der sich diese Synagoge der Israelitischen Kultusgemeinde in München befindet. Es ist ein hellgrau getünchtes, unscheinbares Wohnhaus direkt an der Stadtteilgrenze zwischen Maxvorstadt und Schwabing. Ein schönes Gebäude mit Erkern und verzierten Fenstern. In diesem Viertel leben Menschen verschiedenster Kulturen friedlich miteinander, sie gelten als weltoffen und liberal. Die Gegend ist ein Treffpunkt für die kulturelle Szene und gleichzeitig eine ruhige und sichere Wohngegend. 2018 haben bei der Landtagswahl die meisten Menschen hier grün gewählt. Hier ist das, was eine jüdische Familie am Wochenende erlebte, eigentlich schwer vorstellbar.

    An der Kreuzung zwischen Wilhelmstraße und Hohenzollernstraße – man läuft eine gute Viertelstunde von der Synagoge dorthin – sind ein 53-jähriger Rabbiner und seine beiden 19-jährigen Söhne am Samstagnachmittag auf offener Straße Opfer von Judenhass geworden. Nach Angaben der Polizei beleidigte ein Mann die drei Männer als „scheiß Juden“, kurz darauf spuckte eine Frau einem der Söhne ins Gesicht und beschimpfte ihn. Die Kriminalpolizei ermittelt nun gegen die beiden Tatverdächtigen wegen Volksverhetzung und Beleidigung.

    "Eine untypische Ecke für solche Taten" 

    Die Menschen, die an diesem Vormittag genau an dieser Kreuzung vorbeikommen, wundern sich, dass so etwas bei ihnen um die Ecke passiert ist. „Das hier ist eigentlich eine sehr ruhige Gegend, hier gibt es nie etwas“, sagt eine Frau, die gerade auf dem Weg zu Arbeit ist. Dem stimmt auch die Mitarbeiterin einer Boutique zu: „Hier ist es sehr harmonisch, eine schöne Nachbarschaft und ein gutes Miteinander.“ Das finden auch die beiden Männer, die von Frankfurt nach München gezogen sind: „Das hier ist eine untypische Ecke für solche Taten.“

    Für die jüdische Familie war der Übergriff in Schwabing ein fürchterliches Erlebnis. Das berichtet Marian Offman, SPD-Stadtrat und Vorstandsmitglied der Israelitischen Kultusgemeinde in München. „Ich habe vor kurzem mit der Familie gesprochen, sie sind alle wie erschlagen.“ Vor allem der Sohn sei schockiert. „Er kann nicht verstehen, wie jemand darauf kommt, ihn einfach so und auf offener Straße als 'scheiß Jude' zu beschimpfen.“

    Offman hatte bisher den Eindruck, dass die Lage der Juden in München gut ist. „Aber diese Tat macht mich traurig und hat das Bild meiner Heimatstadt verändert.“ Einer Person ins Gesicht zu spucken, sei das Höchstmaß an Erniedrigung. „Wir haben eine neue Eskalationsstufe erreicht, die bedenklich ist.“

    Spaenle: Genau hinschauen und konsequent handeln

    Ähnlich äußert sich Ludwig Spaenle, der Antisemitismus-Beauftragte der Bayerischen Staatsregierung. „Wir müssen uns daran gewöhnen, dass sich Judenfeindlichkeit im Alltag immer weiter verschärft.“ Er fordert die Bürger auf, bei auffälligem Handeln gegenüber Jüdinnen und Juden genau hinzuschauen und konsequent zu handeln: „Wir müssen deutlich machen, dass wir das Angehen von Jüdinnen und Juden bei uns nicht dulden.“ Bayern werde Übergriffe auf Menschen jüdischen Glaubens nicht hinnehmen.

    Zwei Tage nach dem Übergriff in Schwabing gab es erneut einen Fall von Antisemitismus. Nach Angaben der Polizei hatten Unbekannte am Montagabend in das Treppenhaus von zwei Mitgliedern der jüdischen Gemeinde einen Davidstern geschmiert. „Wir müssen uns von dem Gedanken entfernen, dass Judenhass nur etwas mit Gewalt zu tun hat. Auch Schmierereien und Beschimpfungen sind ein Angriff auf unsere Gemeindemitglieder“, sagt Charlotte Knobloch, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde in München. „Nach den beiden antisemitischen Vorfällen sind die Menschen stark verunsichert, weil sie nicht einschätzen können, wie gefährdet sie sind.“ Diese Art von Judenhass „auf offener Straße, direkt vor der Haustür und in so einem offenen Viertel – das ist schon eine neue Qualität von Aggression.“ Die Fälle seien symptomatisch für die schwierige Situation vieler jüdischer Menschen. „Sicherheit im öffentlichen Raum rückt gerade für Mitglieder der jüdischen Gemeinschaft in immer weitere Ferne“, erklärte Knobloch.

    Verunsicherung der Opfer

    Von der Verunsicherung der Opfer spricht auch Annette Seidel-Arpaci. Sie leitet „Rias“, die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus in Bayern. Sie sagt: „Wenn Juden beschimpft werden, dann schauen in der Regel alle weg und keiner setzt sich für die Opfer ein.“ Bei diesem Fall aber hat jemand hingeschaut – sich allerdings auf die Seite des Täters gestellt. „Das ist erschreckend. Man hat den Eindruck, die Frau habe sich von den Beleidigungen des Mannes bestärkt gefühlt und sich auf dessen Seite geschlagen.“ RIAS gibt es seit 1. April. Betroffene und Zeugen können dort antisemitische Angriffe melden. Bisher wurden 74 Fälle registriert, etwa die Hälfte davon ereignete sich in München.

    Erst Ende Juli war auch in Berlin ein Rabbiner in Begleitung eines seiner Kinder von zwei Männern auf Arabisch beschimpft und überdies bespuckt worden. Angegriffen werden zudem nicht nur Menschen. Mindestens jede zweite Woche wird in Deutschland ein jüdischer Friedhof geschändet, berichtet das Bundesinnenministerium: 27 Fälle gab es 2018. Etwas geringer ist die Zahl der Attacken auf Synagogen. Das Ministerium berichtet für 2018 über „21 antisemitische Straftaten mit dem Angriffsziel Religionsstätte/Synagoge“. Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster (Würzburg), reagiert bitter. Deutschland dürfe sich nicht an diese Situation als Normalzustand gewöhnen.

    Maria Heinrich

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