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    PARIS

    Anzügliche Videos aufgetaucht

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    Benjamin Griveaux Foto: Lionel BONAVENTURE, afp

    Eine Million Flugblätter hätten an diesem Wochenende gedruckt und in Paris verteilt werden sollen, um Benjamin Griveaux als Bürgermeister-Kandidat der französischen Regierungspartei La République en marche (LREM) bei den Wahlen am 15. und 22. März zu stützen. Der Druck wurde eiligst noch storniert, Griveaux sagte alle Termine für diesen Freitag ab.

    Stattdessen zeichnete der 42-Jährige eine Video-Erklärung auf, die ein politisches Erdbeben zur Folge hatte. „Ich möchte uns, meine Familie und mich, nicht noch weiter exponieren“, sagte Griveaux mit ernster Miene und blassem Gesicht. „Deshalb habe ich mich entschieden, meine Kandidatur bei der Pariser Kommunalwahl zurückzuziehen.“

    Am Tag zuvor waren Nachrichten mit explizit erotischem Inhalt bekannt geworden, die der verheiratete Vater dreier Kinder im Mai 2018 an eine Frau geschickt haben soll, deren Identität nicht bekannt ist. Eine davon enthält ein Video, auf dem ein Mann masturbiert. Ob es sich wirklich um Griveaux handelt, ist nicht erkennbar, doch dementierte er die Behauptung nicht, der Absender zu sein.

    Russischer Aktivist an Veröffentlichung beteiligt

    Bevor sie nun viral in den sozialen Netzwerken wurden, tauchten die Nachrichten bereits Anfang Februar auf der Internet-Seite des russischen Aktivisten Piotr Pawlenski auf. Dieser fiel bereits in seiner Heimat durch regimekritische Aktionen auf sowie in Frankreich, wo er 2017 für den Versuch, den Eingang der Zentralbank in Paris anzuzünden, eine Haftstrafe erhielt.

    Der 35-Jährige betonte, er habe Griveauxs Lügen und Scheinheiligkeit anklagen wollen: Dieser behaupte, er wolle der „Bürgermeister der Familien sein“ und präsentiere sich zu Unrecht als perfekter Vater und Ehemann.

    Tatsächlich erwähnte der Politiker bei jeder sich bietenden Gelegenheit seine Familie. Als Sperrbild auf seinem Smartphone scheint ein Foto seiner Kinder auf. Im Wahlkampf kämpfte Griveaux mit einer betont leutseligen Art gegen sein Image an, zwar als der „perfekte Schwiegersohn“, aber dabei arrogant und abgehoben aufzutreten.

    Griveauxs Rückzug ist ein herber Schlag für Macron

    Der frühere Sozialist gehörte zu den ersten Unterstützern von Emmanuel Macron. Nach dessen Wahl zum Präsidenten wurde er Regierungssprecher, bis er vor einem Jahr zurücktrat, um sich dem Wahlkampf um das Pariser Rathaus zu widmen. Dieser wurde erschwert durch die Dissidenz-Kandidatur seines Parteifreundes Cédric Villani, der populärer ist und ihm wichtige Stimmen zu nehmen drohte.

    Mit seinem Kandidaten voraussichtlich nicht einmal die Stichwahl im Kampf um das so wichtige Pariser Rathaus zu erreichen, stellt einen Rückschlag für Macron und seine Partei dar. Die Kommunalwahlen dürften aufzeigen, wie sehr ihr die lokale Verankerung fehlt. Bis 27. Februar hat die LREM noch Zeit, einen neuen Kandidaten aufzustellen. Ein Sieg erscheint aussichtslos; es geht nur noch darum, nicht allzu schlecht abzuschneiden.

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