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    ZELLINGEN

    Brauchen wir eine Dienstpflicht für junge Menschen?

    Themen: Kleiderläden, Bundesfreiwilligendienst,Fahrdienst, Wass
    Gerade im Pflegebereich werden Arbeitskräfte dringend gebraucht. Trotzdem sprechen sich soziale Organisationen mehrheitlich gegen eine allgemeine Dienstpflicht aus. Foto: Andre Zelck

    Sieben Jahre nach dem Ende der Wehrpflicht diskutiert Deutschland wieder über eine Dienstpflicht. Junge Menschen sollen dazu verpflichtet werden, sich nach der Schule eine Zeit lang für die Gesellschaft zu engagieren – sei es in der Pflege, im sozialen Bereich oder bei der Bundeswehr. Der Vorstoß ist bei unterfränkischen Politikern umstritten, Wohlfahrtsverbände in der Region sind überwiegend skeptisch.

    Mehr Solidarität und Zusammenhalt in der Gesellschaft – das versprechen sich die Befürworter eines verpflichtenden Dienstjahres für alle. Bisher kann dies lediglich freiwillig im Rahmen eines Bundesfreiwilligendienstes abgeleistet werden. In Bayern engagieren sich insgesamt rund 3400 Frauen und Männer als „Bufdis“, in Unterfranken sind 360 Bundesfreiwillige im Dienst.

    Nachwuchsprobleme bei Pflege und Bundeswehr

    Dies sei nicht genug, findet Thomas Lindörfer, Kreisgeschäftsführer des Bayerischen Roten Kreuzes in Schweinfurt. Seit der Abschaffung des Wehr- und Zivildienstes sei zu beobachten, dass sich personell einige Lücken bildeten. „Früher hatten wir 18 Zivildienstleistende, heute haben wir nur drei bis vier Bundesfreiwilligen-Teilnehmer“, sagt Lindörfer. Den Aspekt der Pflicht brauche es seiner Meinung nach, um die große Fläche zu erreichen. „Unsere Gesellschaft wird immer älter, junge Leute müssen somit verstärkt ein Verständnis für Pflege und Soziales bekommen“, führt er weiter aus. Jedoch sei es für ihn bisher noch unklar, wie die Finanzierung bei dem Modell der allgemeinen Dienstpflicht aussehen soll. „Wir als Kreisverband könnten das alleine nicht stemmen“, so Lindörfer.

    Nachwuchsprobleme führt auch der CSU-Bundestagsabgeordnete Alexander Hoffmann aus Retzbach (Lkr. Main-Spessart) als Argument für eine allgemeine Dienstpflicht an. Hoffmann ist stellvertretendes Mitglied im Bundestagsausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und sieht in einer Dienstpflicht „genau den richtigen Ansatz“. Viele soziale Organisationen hätten seit der Abschaffung der Wehrpflicht mit Nachwuchsproblemen zu kämpfen. Dienstleistende könnten hier Arbeit abnehmen und die Rahmenbedingungen verbessern. Jeder solle sich aussuchen können, ob er in den sozialen Bereich, zur freiwilligen Feuerwehr oder eben zur Bundeswehr will. Die sicherheitspolitische Kulisse habe sich weltweit gewandelt. „Wir brauchen eine funktionstüchtige Armee ohne Nachwuchsprobleme“, so Hoffmann.

    Viele potenzielle Einsatzfelder

    Großer Befürworter einer allgemeinen Dienstpflicht ist auch SPD-Bundestagsabgeordnete Bernd Rützel aus Gemünden am Main (Lkr. Main-Spessart). „Jungen Menschen schadet es nicht, einen Dienst zu verrichten“, so Rützel, der im Bundestagsausschuss für Arbeit und Soziales sitzt. Männer und Frauen sollten gleichermaßen verpflichtet werden. Neben der Pflege gäbe es viele andere sinnvolle Einsatzfelder, etwa in der Gesundheit, bei der Feuerwehr, auf Bauhöfen oder eben bei der Bundeswehr. Hier müssten allerdings die Rahmenbedingungen angepasst werden. Es fehle an ordentlicher Ausstattung. Zudem müsse die Bundeswehr „ihren Einsatzzweck grundsätzlich überdenken“.

    Verbände: Engagement ja, unter Zwang nein

    Zu den Kritikern bezüglich der allgemeinen Dienstpflicht zählt unter anderem auch die Diakonie. Sie lehnt die Einführung entschieden ab. „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Teilnehmer eines Freiwilligenjahres sehr viele Erfahrungen sammeln, ich bin aber skeptisch, dass das unter Zwang funktioniert“, sagt Daniel Wagner, Pressesprecher der Diakonie Bayern. Auch sei es seiner Meinung nach eine Fantasie, dass der Personalmangel dadurch gelöst werden könnte. „In der Pflege braucht es hoch qualifizierte Kräfte. Junge Menschen unter Zwang in diesen Bereich zu führen, entspricht nicht unseren Erwartungen und auch nicht derer, die die Gesellschaft an die Pflege stellt“, so Wagner.

    Die Arbeiterwohlfahrt (AWO) argumentiert ähnlich. Stefan Wolfshörndl, Vorsitzender der AWO Unterfranken, stört sich vor allem an dem Aspekt der Pflicht. „Wenn etwas durch Zwang erreicht werden muss, hat das Auswirkungen auf die Arbeitsweise und Motivation“, sagt er.

    Das Technische Hilfswerk (THW) will sich vorerst nicht zur Debatte äußern. Bis jetzt gebe es keine „herausgabefertige“ Meinung dazu, teilt Pressesprecherin Tamara Schwarz auf Anfrage mit.

    „Absolutes Unding“ und „Schnapsidee“

    Eine klare Meinung hat aber Johanna Vogel, Pädagogische Begleiterin beim Paritätischen Wohlfahrtsverband Unterfranken. Als „absolutes Unding“ bewertet sie eine allgemeine Dienstpflicht. „Zwar sind die Zahlen von Bundesfreiwilligen rückläufig, aber die Leute haben eine bessere Einstellung“, sagt die Pädagogin. Genügend Leute ließen sich auch ohne Zwang finden.

    Wehrpflicht
    Die Wiedereinführung der 2011 ausgesetzten Wehrpflicht steht für die Bundesregierung nicht zur Diskussion. Foto: Frank May

    „Die Einführung eines allgemeinen verpflichtenden Dienstjahres ist eine Schnapsidee", ist sich Klaus Ernst, Bundestagsabgeordneter der Partei „Die Linke“ aus Schweinfurt sicher. Ernst ist stellvertretendes Mitglied des Ausschusses Arbeit und Soziales und betont: „Solche Dienste müssen freiwillig sein.“ Die Bundeswehr bräuchte hochqualifiziertes Personal, das sie auf diesem Weg nicht bekäme.

    Der Bundestagsabgeordneter Karsten Klein aus Aschaffenburg, der die FDP im Haushaltsausschuss des Bundestages in Verteidigungsfragen vertritt, hält die aktuelle Auseinandersetzung sogar für eine „Phantomdebatte“: „Keiner braucht eine Rückkehr zur Wehrpflicht. Weder die Bundeswehr noch junge Leute, noch Pflegedienste.“ Die Bundeswehr habe ganz andere Probleme: „Wir schaffen es kaum, die bestehende Truppe ausreichend auszustatten. Das ist unverantwortlich.“ Viel wichtiger als Zivildienstleistende seien Fachkräfte – sowohl im Pflegebereich als auch bei der Bundeswehr. Mit einem verpflichtenden Gesellschaftsjahr würde jungen Menschen lediglich kostbare Zeit geraubt, die sie lieber in ihre Ausbildung investieren sollten.

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