• aktualisiert:

    BERLIN

    Die SPD sucht ihr Traumpaar

    Pk Scheer und Lauterbach
    Nina Scheer (SPD) und Karl Lauterbach (SPD) beantworten auf einer Pressekonferenz im Jakob-Kaiser-Haus in Berlin Fragen zu ihren Bewerbungen um die Kandidatur für den SPD-Parteivorsitz. Foto: Wolfgang Kumm, dpa

    „Jedes Töpfchen find? sein Deckelchen“, trällerte einst Liselotte Pulver im Film-Schwank „Kohlhiesels Töchter“ (1962) – und ganz unter diesem Motto steht dieser Sommer bei der SPD. Die an Schwindsucht und GroKo-Frust leidende Partei sucht eine neue Spitze, bevorzugt ein gemischtes Doppel. Ganz langsam beginnt sich das Kandidaten-Karussell zu drehen, aus dem beim Parteitag im Dezember das Siegerpaar aussteigen soll. Zuerst aufgesprungen waren Europa-Staatsminister Michael Roth und die frühere nordrhein-westfälische Familienministerin Christina Kampmann.

    Jetzt wirft ein zweites Paar seine „Bewerbung in den Hut“ oder vielmehr den Hut in den Ring – Nina Scheer bringt die Redewendung ein wenig durcheinander. Den ganz großen Auftritt ist die 47-Jährige aus Schleswig-Holstein noch nicht gewöhnt. Im Bundestag, dem sie seit 2013 angehört, zählt die Frau mit dem grauen Dutt und der großgliedrigen Goldkette zu den stilleren Abgeordneten.

    Lange über Kandidatur nachgedacht

    Deutlich bekannter ist der Mann, mit dem zusammen sie um den SPD-Parteivorsitz kämpfen will: Karl Lauterbach, Fraktionsvize und profilierter Gesundheitspolitiker aus dem Rheinland. Sein Markenzeichen, die Fliege, hat der alterslos wirkende 56-Jährige zur öffentlichen Bekanntgabe seiner Kandidaten-Verlobung mit der Umweltpolitikerin abgelegt. Leger trägt er den obersten Hemdknopf offen.

    Auch der Ort ist dem Anlass entsprechend gewählt. Kurzfristig wird der Termin aus eher düsteren Räumen in ein lichtdurchflutetes Besprechungszimmer im sechsten Stock des Jakob-Kaiser-Hauses verlegt. Ganz in der Nähe des Büros von Afd-Fraktionschef Alexander Gauland eröffnet sich hier ein spektakulärer Blick auf Reichstagskuppel und Siegessäule. „Ich habe schon lange über eine Kandidatur nachgedacht. Denn unsere Wähler wissen nicht mehr, wofür die SPD steht“, sagt der Mediziner, der 2001 von der CDU zur SPD gewechselt war. Und heute zu den linkeren Sozialdemokraten zählt. Auch nach Jahren einer SPD-Regierungsbeteiligung gebe es in Deutschland noch zu viele Ungerechtigkeiten – ob bei Einkommen, Bildung oder in der Medizin. In der Umweltpolitik habe seine Partei nie klare Positionen entwickelt, das werde er ändern, verspricht er. „In vielen Bereichen kommen wir in der Großen Koalition nicht weiter“, so Lauterbach ergänzend. Bekanntlich habe er zu den Befürwortern des Bündnisses mit der Union gezählt, Nina Scheer sei von Anfang an dagegen gewesen. „Sie hat recht behalten“, räumt er ein.

    Partei soll ökologischer werden

    Nina Scheer bekräftigt: „Wir sind der Meinung, die SPD sollte die GroKo verlassen.“ Dem Bündnis sei es „nicht gelungen, die notwendigen Bedingungen einer sozial-ökologischen Marktwirtschaft durchzubuchstabieren“. Viele ihrer Sätze klingen formelhaft. Trotzdem wird die Botschaft klar: An der Seite Lauterbachs will sie die SPD nach links führen und ökologischer machen. Wie groß die Chancen von Scheer und Lauterbach, die auf Beobachter wie ein evangelisches Pastoren-Ehepaar wirken, auf den Parteivorsitz sind, vermag im Moment niemand zu sagen. Erfahrene SPD-Mitglieder hoffen aber, dass sich bis zum Ablauf der Bewerbungsfrist noch etliche weitere Gespanne melden. Denn nachdem mit Andrea Nahles die erste weibliche Vorsitzende der SPD-Geschichte hinwarf, tief frustriert von den Ränkespielen mancher Parteifreunde, geht es ums nackte Überleben. In Umfragen rangieren die Genossen derzeit teils weit unter 15 Prozent. Bei den bevorstehenden Landtagswahlen in Sachsen, Brandenburg und Thüringen droht weiteres Ungemach. Und in dieser Situation steht die Partei kopf- und richtungslos da. Alle Mitglieder des Interims-Führungstrios, Malu Dreyer, Manuela Schwesig und Thorsten Schäfer-Gümbel, schließen aus, den regulären Vorsitz zu übernehmen.

    Kaum ein Name, der nicht fällt

    Ob beim Sommerfest der SPD-Bundestagsfraktion beim „Tipi am Kanzleramt“ oder in vertraulichen Runden, wo immer in diesen Tagen Sozialdemokraten zusammentreffen, kreisen die Gespräche um die eine Frage: Wer mit wem? Kaum ein Name, der dabei nicht fällt. Sobald eine Genossin irgendwo im vertraulichen Zwiegespräch mit einem Genossen gesichtet wird, schießen die Spekulationen ins Kraut: Wie entscheidet sich Niedersachsens Landesvater Stephan Weil? Wer war noch die Frau, mit der sich Generalsekretär Lars Klingbeil so angeregt unterhielt? Und hat nicht die Sekretärin des Abgeordnetenbüros auf dem gleichen Flur neulich Familienministerin Franziska Giffey mit Juso-Chef Kühnert im Restaurant gesehen.

    Überhaupt Kühnert. Der 30-Jährige, den schon die 76-jährige Gesine Schwan, Ex-Kandidatin für das Bundespräsidentenamt heftig umwarb, hat sich erst kürzlich zum Thema Partnersuche geäußert. Allerdings zur ganz privaten. Dabei, so sagte er in einem Interview, setze er auf die Dating-App Tinder, von der es bei Wikipedia heißt: „Sie wird zur Anbahnung von Flirts, zum Knüpfen von Bekanntschaften oder zur Verabredung von unverbindlichem Sex verwendet.“

    Bei Tinder aber hat er es als bekannter Politiker nicht leicht. Viele Flirtwillige könnten gar nicht glauben, dass sich ein derart bekannter Politiker auf der Dating-Plattform tummle. So bekomme er manchmal Zuschriften wie „Ich finde es eine Frechheit, dass Sie sich hier als Kevin Kühnert ausgeben!“, erzählte Kühnert. Sein Trick zum digitalen Identitätsnachweis: Kleine versteckte Botschaften auf dem Twitter-Account – auf den ja nur er, der echte Kevin Kühnert, Zugriff hat.

    Aber auch ohne solche Details aus dem Leben der Nachwuchshoffnung gibt es bei der SPD genug Stoff für Klatsch und Tratsch. „Nein, wir planen keine gemeinsame Kandidatur“, versichern eine Bundesministerin und ein Ministerpräsident launisch bei einem Hintergrundgespräch mit Journalisten. Doch beide äußern die Hoffnung, dass mit jedem neuen Bewerber-Duo Aufmerksamkeit und Zustimmung für ihre Partei wachsen.

    Massive Zweifel am Verfahren

    Manfred Güllner, Chef des Umfrage-Instituts Forsa, hat an dieser Einschätzung indes massive Zweifel. „Nüchtern betrachtet und aus Sicht der Wähler ist dieses Verfahren Quatsch und eher kontraproduktiv. Jetzt beschäftigt sich die Partei wieder bis zum Herbst ausschließlich mit sich selbst.“ Der Demoskop weiter: „Da kommen jetzt den ganzen Sommer über lauter Namen ins Spiel, bei denen die Wähler nur den Kopf schütteln.“

    Was viele jetzt als großes Fest der Demokratie feierten, erinnere ihn an „Tanz-Duell-Sendungen im Privatfernsehen“. Güllner befürchtet: „Am Ende werden sich nur die bestätigt fühlen, die keine richtigen Köpfe in der SPD sehen. Die SPD kümmert sich nicht um die Seele ihrer Wähler, oder vielmehr ihrer verloren gegangenen Wähler, sondern nur um die Seelen ihrer wenigen noch verbliebenen Mitglieder.“

    Und trotzdem: Als langjähriges SPD-Mitglied, sagt Güllner, habe auch er die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass das Töpfchen SPD irgendwann doch wieder ein passendes Deckelchen findet.

    Weitere Artikel

    Kommentare (0)

      Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!