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    WÜRZBURG

    Fastenzeit: Ernährung als neue Religion?

    _ Foto: Zerbor (iStockphoto)

    Die letzten Schoko-Nikoläuse liegen noch im Süßigkeitenfach. Ihr einst so sattes Braun wird längst von einem gräulichen Schleier überzogen. Und doch waren sie nie so verführerisch wie an diesem heutigen Tag. Iss mich, rufen sie mit glockenheller Stimme. Schweigt, rüffelt der gute Wille düster. Sie ist gar nicht so einfach, diese Sache mit der Mäßigung. Wo doch alles, was man will, zu jeder Zeit verfügbar ist.

    Doch ab heute zählt die Völlerei wieder zu den sieben Todsünden. Der Aschermittwoch markiert den Beginn der Fastenzeit. Wer es zum Jahreswechsel nicht geschafft hat, gute Vorsätze umzusetzen, für den können die kommenden 40 Tage eine neue Chance bieten, den fleischlichen Wüstheiten Einhalt zu gebieten. Und obwohl sich die Deutschen zunehmend vom christlichen Glauben und dessen Grundsätzen entfernen, wächst die Zahl derer, die bewusst verzichten. Seit 2012 stieg die Zahl der Fasten-Fans um 15 Prozent auf jetzt 59 Prozent, zeigte im vergangenen Jahr eine Forsa-Umfrage im Auftrag der Krankenkasse DAK. Heilfasten, Entschlacken, Fastenkur: Unabhängig von Religion boomt in der Konsumgesellschaft der Wunsch nach Verzicht.

    In den Buchhandlungen türmen sich Ratgeber

    Die Zahlen fügen sich ein in die wachsende Vielfalt unserer Vorstellungen von Essen und Trinken, von Gesundheit und Selbstverantwortung, vielleicht auch von Moral und Lifestyle. In Buchhandlungen türmen sich Ratgeber wie „Fasten. Auszeit für Körper, Geist und Seele“ oder „Wie neugeboren durch Fasten“. „Früher haben die Menschen gefastet, um in den Himmel zu kommen, heute fasten sie, um gesund in den Himmel zu kommen“, witzelt der Psychologe und Buchautor Manfred Lütz. Die „Ärzte Zeitung“ schreibt gar von einer „Radikalisierung der Ernährung“. Du bist, was du isst – nie schien dieser Sinnspruch aktueller. Das Essen wird zur Frage der Ehre erhoben: Sag, wie hältst du?s mit den Kohlehydraten? Fast scheint es, als ob die freiwillige Askese zu einem Massenphänomen auf der Suche nach Erlösung wird.

    „Unser Umgang mit Essen und Trinken hat sich wesentlich verändert“, sagt Gunther Hirschfelder, Kulturwissenschaftler an der Universität Regensburg. „Durch die Brille von Essen und Trinken kann ich die Welt geordnet wahrnehmen.“ Veganer, Vegetarier, Flexitarier, Paleo, Superfood, Low-Carb, Eiweiß – es geht mehr als um die Zufuhr von Kalorien. Es ist Ausdruck eines allgemeinen Wertewandels, der sich in unserem Umgang mit Speis und Trank widerspiegelt. „Jede Gesellschaft braucht eine Ideologie, eine Idee, über die sie verhandeln kann“, sagt Hirschfelder. Lange waren das Religion und Politik – die Fragen waren „Bist du evangelisch oder katholisch“ oder „Bist du rechts oder links“.

    Die Ernährung als Leitplanke des Lebens

    „Mit dem Ende der Ideologien und der Abkehr von der Religion haben wir Leitplanken verloren“, sagt Hirschfelder. Diese Funktion übernimmt nun – zumindest in bestimmten Kreisen – die Ernährung. „Goethe erkannte schon vor über 200 Jahren: Je mehr Freiheit ein Mensch hat, desto weniger kann er damit umgehen“, erklärt Hirschfelder. „Die grenzenlose Auswahl verwirrt uns eher.“ Der Mensch will Regeln. Fallen die alten weg, sucht er sich eben neue.

    Dabei geht es aber längst nicht nur um moralische Grundsätze, sondern auch um Selbstoptimierung und den Versuch, sich in die Normen einer zunehmend visuell geprägten Gesellschaft einzufügen. „Wer in den 60er Jahren studiert hat, konnte sicher sein, dass er einen guten Job bekommt, das gleiche gilt für Handwerker und Facharbeiter“, sagt Hirschfelder. „Diese Sicherheit ist uns verloren gegangen.“ Im Konkurrenzkampf wird auch der Körper zur Waffe, das Aussehen entscheidet über den Erfolg zumindest mit. Wer gut aussieht, bekommt bessere Jobs. Gut aussehende Verkäufer erzielen höhere Umsätze. Und auch in der Politik gilt: Wer attraktiv ist, gewinnt. Dass die Optik das Wahlergebnis beeinflussen kann, belegt inzwischen sogar eine Studie.

    Die Universität Düsseldorf hat 1786 weibliche und männliche Direkt- und Spitzenkandidaten analysiert, die bei der Bundestagswahl 2017 angetreten sind. Das Ergebnis: Im Extremfall kann ein Kandidat mit hoher Attraktivität fünf Prozentpunkte mehr bei den Erststimmen gewinnen, bei den Zweitstimmen bis zu drei Prozentpunkte. Selbst die Wahlbeteiligung in einem Wahlkreis erhöht sich, je attraktiver die Kandidaten im Durchschnitt sind.

    Der Völlerei nachzugeben, kann da schnell zur Charakterschwäche erklärt werden. Die Gesundheitsreligion hat inzwischen eben ihren eigenen Fundamentalismus entwickelt.

    Reden ist das eine, Verhalten das andere

    Und doch warnt Hirschfelder vor einer Annahme ganz ausdrücklich: Das Sprechen über Essen und Trinken hat nicht in jedem Fall etwas mit den tatsächlichen Verhaltensweisen zu tun. Der moralische Imperativ ist vielfach eher theoretischer Natur – die Magerkost taugt der Masse höchstens zur Wochenend-Beschäftigung. Auch das zeigen Umfragen und Studien: 23 Prozent der Bundesbürger holen sich mindestens einmal in der Woche unterwegs belegte Brötchen, Burger, Pizza oder andere Snacks. Die Folgen gibt es schwarz auf weiß: Selbst die Zahl extrem dicker Kinder und Jugendlicher hat sich in den vergangenen vier Jahrzehnten mehr als verzehnfacht. Während 1975 weltweit etwa elf Millionen 5- bis 19-Jährige fettleibig waren, waren es im vergangenen Jahr 124 Millionen, so die Weltgesundheitsorganisation. Weitere 213 Millionen Kinder und Jugendliche seien übergewichtig.

    Der nervöse Blick auf den Teller ist freilich nichts Neues. Schon um das Jahr 365 entwickelte der Mönch und Asket Euagrios Pontikos seine acht Gedanken, in denen er acht Dämonen zusammenfasst, die den Menschen schaden. Laut Pontikos versucht der Teufel, der Erhabenheit der Mönche entgegenzuwirken, die sich in die Wüstengebiete zurückgezogen hatten. Das erste Laster bezog sich auf die Völlerei, das zweite auf die Wollust: Das Wortpaar „Völlerei und Wollust“ war geboren. Die Wüsteneremiten erlegten sich ein strenges Fasten auf. In der Regel aßen sie nur einmal am Tag zur neunten Stunden.

    „Neben der Sexualität ist das Essen der kulturell und religiös am stärksten regulierte Lebensbereich menschlicher Gesellschaften“, sagt der Theologe und Buchautor Kai Funkschmidt. „Essensbezogene kulturelle Bräuche und religiöse Gebote gehören dabei zu den zentralen Eigenarten, die eine Kultur von der anderen unterscheidet und ihr Selbstbild im Gegenüber zu anderen prägt.“ Es gibt kaum eine Religion, die sich nicht darum kümmert, was bei ihren Gläubigen auf dem Teller liegt. Muslime verbieten Schwein, Hindus Rind, Juden trennen Milch und Fleisch, Mormonen verzichten auf Tee und Kaffee.

    Der Glaube wird nach außen bezeugt. „So sollen die Israeliten Passah halten, damit die Kinder ,Warum?? fragen und die Gründungsgeschichte ihres Volkes hören“, so Funkschmidt.

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    „Speiseangebote sind Teil einer Identität“

    Es geht bei der Ernährung also keineswegs nur um Kalorienzufuhr, sondern um Identität – und damit um Abgrenzung. „Traditionell sind also Speisegebote Teil einer Identität und Lebenssinn stiftenden Religion“, sagt der Theologe Kai Funkschmidt. „In der modernen veganen Bewegung sehen wir etwas Neues: Essensregeln werden nun selbst sinnstiftend.“ Die säkulare Gesellschaft mag auf einen Gott verzichten können, auf ein Heilsversprechen hingegen nicht. Mit entsprechendem Eifer werden Debatten rund ums Essen geführt, bisweilen mit scheinbar höchst politischer Brisanz gewürzt.

    Als durch den Zuzug tausender muslimischer Flüchtlinge nach Deutschland der Verdacht erwuchs, Kantinen könnten in Versuchung geraten, Schweinefleisch von ihrer Speisekarte zu streichen, löste das eine Welle der Empörung aus. Bundesernährungsminister Christian Schmidt (CSU) mahnte: „Ich nehme es mit Besorgnis wahr, dass Schweinefleisch in Schulen und Kantinen vom Speiseplan genommen wird.“ Selbst die als wenig emotional bekannte Kanzlerin Angela Merkel erklärte: „Die Toleranz gehört schon dazu, dass wir uns in unseren Essgewohnheiten jetzt nicht verändern müssen.“ Wirklich integriert erscheint ein Flüchtling erst dann, wenn er das Kotelett nicht mehr verschmäht.

    Alles nur eine Modeerscheinung? Zumindest ein Phänomen, das eng mit dem deutschen Wohlstand zusammenhängt. Die Sehnsucht nach dem „Wahrhaftigen“ hängt eng mit der Überforderung durch ein Überangebot an Waren zusammen. „Das ist ein eindeutiges Luxusthema“, erklärt Kulturwissenschaftler Hirschfelder. In Süd- und Osteuropa, das deutlich stärker von Krisen gebeutelt wird, ist der Blick auf die Ernährung deutlich weniger missionarisch. Dennoch ist sich Hirschfelder sicher: „Wenn wir keine schwerwiegende wirtschaftliche oder politische Krise haben, gehen wir nicht zurück zur Ernährung der 70er Jahre.“

    Von unserer Mitarbeiterin Margit Hufnagel

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