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    Paris

    Frankreich probt die Gesichtserkennung: Fluch oder Segen?

    Frankreichs Innenminister Christophe Castaner Foto: FRANCOIS GUILLOT, afp

    Einen neuen Reisepass oder Personalausweis online bestellen, ohne ins Gemeindebüro fahren und Schlange stehen zu müssen? Nur noch ein einziges Konto und Passwort brauchen, um die Steuererklärung zu machen, eine Sozialwohnung oder seinen Rentenbescheid online zu beantragen? Den einfachen Zugang per Handy zu über 500 Behördendiensten verspricht die Software Alicem, die die französische Sicherheitsbehörde ATNS, die zum Innenministerium gehört, zurzeit ausarbeiten lässt. Das soll den Nutzern in der Zukunft ermöglichen, im Kontakt mit den staatlichen Stellen ihre „digitale Identität“ nachzuweisen.

    Doch schon vor seiner Einführung stößt das Programm auf Misstrauen: Welche Daten werden wie lange und für welche Zwecke gesammelt? Datenschützer warnen vor missbräuchlichem Umgang mit sensiblen Informationen, deren Klau durch Hacker oder gar vor den Anfängen eines Überwachungsstaates. Denn die App Alicem – eine Abkürzung für „Zertifizierte Online-Authentifizierung auf dem Mobiltelefon“ („Authentification en ligne certifiée sur mobile“) – soll über Gesichtserkennung funktionieren. Seit Juni läuft eine Testphase mit mehreren tausenden Freiwilligen. Wenn das System dann voraussichtlich im nächsten Jahr startet, wird Frankreich das erste EU-Land sein, das die neue Technologie in diesem Ausmaß anwendet.

    Das Innenministerium geht davon aus, dass zunächst rund zehn Millionen Franzosen, die einen biometrischen Ausweis, einen Internet-Zugang und ein an die Technik angepasstes Smartphone besitzen, Alicem nutzen könnten. Den persönlichen Empfang in den Behördenbüros ersetzt dies aber nicht vollständig: Noch wird Frankreich keine rein digital verwaltete Gesellschaft. Um das „Vorzeichen einer Politik der digitalen Identität“ handele es sich bei dem Projekt aber durchaus, ließ Innenminister Christophe Castaner wissen.

    Die Gesichtserkennung ist demnach lediglich notwendig, um den Nutzer bei der ersten Anmeldung auf seinem Smartphone mithilfe von Fotos und Videoaufnahmen eindeutig zu identifizieren. Laut ATNS werden diese daraufhin sofort wieder gelöscht, während andere persönliche Informationen wie Name, Adresse, Geburtstag und -ort sowie Augenfarbe und Größe gespeichert bleiben.
    Dies ist einer der Punkte, die Kritiker auf den Plan bringen. „Jedes System ist hackbar“, sagt der Spezialist für Netzsicherheit Baptiste Robert. ATNS-Chef Jérôme Létier räumt ein, dass es kein Null-Risiko gebe: „Wir gehen diese Mission ohne Naivität an. Uns ist klar, dass wir von Anfang an die Sicherheit von Alicem garantieren müssen.“

    Die Organisation für Bürgerrechte im Internet La Quadrature du Net warnt vor einer „Banalisierung“ dieser Technologie und hat Klage eingereicht. „Die Regierung will die Leute zwingen, die Gesichtserkennung zu nutzen. Sie übergeht die Wichtigkeit eines klaren Einverständnisses und der Wahlfreiheit“, argumentiert der Anwalt der Organisation, Martin Drago. Wer die Gesichtserkennung ablehne, könne Alicem nicht verwenden. Man befürchte zudem die Bedrohung der Anonymität im öffentlichen Raum und das Ausspionieren von Personen durch Überwachungskameras: Wer garantiere, dass nicht irgendwann die Polizei die entsprechenden Technologien nutze, um beispielsweise Demonstranten zu identifizieren?

    Um diese im Falle eines Anschlags oder anderer Verbrechen anwenden zu können, ließ der Bürgermeister von Nizza, Christian Estrosi, tatsächlich beim diesjährigen Karneval im Februar auf einem klar ausgewiesenen Raum und mit 1000 Freiwilligen Gesichtserkennung mittels Videokameras testen. Die Nationale Kommission für Internet und Freiheitsrechte CNIL hatte Bedenken dagegen angemeldet, ebenso wie jetzt gegenüber Alicem. Diese versuchen die Behörden auszuräumen. „Es geht nicht darum, eine Überwachungsgesellschaft wie in China einzurichten“, versichert ATNS-Chef Létier. „Das einzige Ziel besteht darin, die Identität der Franzosen zu schützen.“

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