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    "Greta lässt sich nicht vereinnahmen"

    Die Preisträgerin als weltweite Protest-Ikone: Greta-Masken bei Demonstrationen in Santiago de Chile. Foto: Esteban Felix, dpa

    Eine Preisträgerin, die polarisiert, wie kaum jemand sonst: Greta Thunberg. Ole von Uexküll ist Direktor der Stiftung Right Livelihood Award in Stockholm. Diese vergibt seit 1980 den Alternativen Nobelpreis und wurde von seinem Onkel Jakob von Uexküll gegründet. In diesem Jahr 
    verlieh er mit seiner Stiftung Thunberg den Alternativen Nobelpreis - mittlerweile wird sie als Kandidatin für den Friedensnobelpreis gehandelt. Ein Gespräch über ihre Wirkung, deutsche Probleme und den Zustand der Welt.

    Frage: Sie kämpfen für den Klimaschutz, für die Rechte chinesischer Frauen, Menschenrechte in der Westsahara und wollen den Amazonas als Lebensraum erhalten - die vier Preisträger des diesjährigen Alternativen Nobelpreises sind da aktiv, wo die Politik scheitert. Legen Sie gezielt den Finger in die Wunde?

    Ole von Uexküll hat mit seiner Stiftung Greta Thunberg den Alternativen Nobelpreis verliehen. Foto: privat

    Ole von Uexküll: Wir schauen in allererster Linie auf die Verdienste der Preisträgerinnen und Preisträger. Sie müssen visionär und erfolgreich sein in dem, was sie tun. Aber darüber hinaus überlegt man sich in der Jury schon: Wie kann der Preis einen Unterschied machen? Wir möchten Stellung beziehen, politisch sein. Es kommt ja nicht von ungefähr, dass so viele Dinge auf der Welt in die falsche Richtung laufen. Das liegt an vielen falschen Entscheidungen, die getroffen werden - oder daran, dass überhaupt politisch zu wenig geschieht. Die Preisträger zeigen, was eigentlich möglich wäre. Darauf aufmerksam zu machen, kann und soll unbequem sein.

    Ihre Stiftung heißt „Right Livelihood“, richtige Lebensweise - was heißt das?

    Von Uexküll: Unsere Vision ist eine gerechte, friedliche und nachhaltige Welt für jeden von uns. Das gibt die Richtung vor. Über Jahrzehnte herrschte die Gewissheit vor, die Klimakrise werde sich technisch schon irgendwie lösen. Das ist die Leistung von Greta Thunberg: nicht vereinnahmt zu werden von den hergebrachten Weisheiten und Machtsymbolen um sie herum. Sie leitet ihre normativen Statements aus den heutigen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen ab. Gretas Blick wird eben nicht verstellt von trügerischen Gewissheiten.

    Dieses Jahr gingen bei Ihrer Stiftung aus fast 60 Ländern mehr als 140 Vorschläge für den Alternativen Nobelpreis ein. Das heißt, Sie haben vermutlich einen ganz guten Überblick, wo auf der Welt etwas im Argen liegt. Welche Problemherde haben sich Ihnen am deutlichsten gezeigt?

    Von Uexküll: Auf jeden Fall das Umwelt-, Klima- und Ressourcenproblem. Wir sehen, wie wichtig es ist, dass Menschen vor Ort Kontrolle über ihre Ressourcen haben. Dabei ist in über 100 Ländern der Welt - und das ist ein weiteres wichtiges Problemfeld - der Handlungsspielraum für die Zivilgesellschaft eingeschränkt.

    Was sagt das über den Zustand der Welt?

    Von Uexküll: Das besagt, dass viele Regierungen festgestellt haben, wie mächtig eine unabhängige Zivilgesellschaft ist, wie unangenehm sie für die Mächtigen werden kann. Vor 15 Jahren, unter dem Eindruck der riesigen Demonstrationen gegen den Irak-Krieg, nannte die New York Times die Zivilgesellschaft die „zweite globale Supermacht“. Und seitdem erleben wir, wie immer mehr Länder Gesetze erlassen, die wichtige demokratische Bürgerrechte einschränken, wie freie Meinungsäußerung, Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit. Davon sind Aktivisten wie unsere Preisträger natürlich besonders betroffen. Wir erleben es immer häufiger, dass man sie nicht ausreisen lässt, dass ihre Organisationen geschlossen werden oder dass man ihnen offen oder anonym droht.

    Gibt es im Kleinen auch in Deutschland Anzeichen für die Unterdrückung engagierter Bürger?

    Von Uexküll: Ja, die gibt es. So wurde dem globalisierungskritischen Verein Attac die Gemeinnützigkeit entzogen und dasselbe wird von Politikern auch der Deutschen Umwelthilfe unverhohlen angedroht, weil sich die deutsche Autoindustrie vor deren Arbeit fürchtet. Und Deutschland weigert sich seit Jahren, unserem Preisträger Edward Snowden Schutz vor Auslieferung in die USA zuzusagen, dabei würde eine solche Auslieferung seine Rechte massiv verletzen. Das sind schlimme Beispiele - trotzdem ist klar, dass die mit den Zuständen in anderen Ländern nicht vergleichbar sind, wo gesellschaftliches Engagement noch viel extremer unterdrückt wird.

    Welche Probleme sehen Sie als die drängendsten in Deutschland und Ihrem Stiftungssitz Schweden an?

    Von Uexküll: Auch in diesen beiden Ländern sind es vor allem Klima- und Ressourcenfragen - da tragen wir einen großen Teil zu den Problemen in aller Welt bei. Beide Länder haben außerdem ein großes Problem, wenn es um Waffenexporte geht. Deutschland trägt durch seine Exporte zu Konflikten in der Welt bei, aber auch Schweden, obwohl es immer so friedlich tut, ist pro Kopf einer der größten Waffenexporteure der Welt.

    Eine Ihrer diesjährigen Preisträgerinnen ist Greta Thunberg. Sie polarisiert in Deutschland so sehr wie seit langer Zeit kaum jemand sonst. Wie erklären Sie sich all den Hass?

    Von Uexküll: Natürlich ist es unangenehm für Menschen, ihr Leben nicht entlang der alten Gewissheiten weiterleben zu können - zum Beispiel beim Klimawandel. Aber wenn sich das Unbehagen an Greta entlädt, folgt es dem Motto: „Shoot the Messenger“, also „Erschieß den, der die Wahrheit sagt“. Das ist einfach. Wer nicht erträgt, dass Greta recht hat, rückt es sich lieber so zurecht, dass sie irgendwie spinnen muss.

    Ist es notwendig, dass die Träger des Alternativen Nobelpreises polarisieren? Ist das ein Zeichen dafür, dass sie auf dem richtigen Weg sind?

    Von Uexküll: Polarisierung ist nie ein Selbstzweck, aber man darf sich nicht davor scheuen. Wenn es andere stört, dass man laut die Wahrheit sagt, dann darf man sich davon nicht beirren lassen und muss weiter laut die Wahrheit sagen. Es gibt handfeste Interessen, die dazu führen, dass die Welt so organisiert ist, wie sie organisiert ist. Und diese Interessen fordert man natürlich heraus, wenn man sagt, die Welt könnte ganz anders aussehen. Deshalb kann Polarisierung absolut ein Gradmesser für Erfolg sein.

    Was muss der Einzelne im Sinne der „Right Livelihood“, der richtigen Lebensweise, anders tun?

    Von Uexküll: Gandhi hat gesagt: Die Welt hat genug für die Bedürfnisse aller Menschen, aber nicht für aller Menschen Gier. Wir haben inzwischen in den materiell reichen Ländern ein echtes Entwicklungsproblem, weil wir uns über diesen fairen Anteil weit hinaus entwickelt haben. Und jetzt sagt uns die Wissenschaft, das müssen wir innerhalb eines Jahrzehnts drastisch runterfahren. Ich denke, jeder Einzelne muss lernen, mit diesem fairen Anteil der Ressourcen gut zu leben, und das geht natürlich und ist auch spannend. Und gleichzeitig kann sich der oder die Einzelne natürlich in gesellschaftliche Debatten einbringen und damit noch eine viel breitere Wirkung entfalten.

    Was entgegnen Sie Leuten, die sich in Aussagen flüchten wie die, dass ohne die große Politik sich ohnehin nichts ändere?

    Von Uexküll: Dass sie recht haben. Der anstehende Wandel ist so tief greifend, den werden ganz sicher nicht ein paar bewusste Bürger durch ihre Konsumentscheidungen herbeiführen, sondern es braucht einen politischen Rahmen. Aber ich würde halt auch sagen, dass die Politik sich ohne Druck nicht ändert. Und dass man diesen Druck aufbauen kann durch eigene Verhaltensänderung, durch politische Mobilisierung und am besten durch beides Hand in Hand. 

    Sarah Ritschel

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