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    Oslo

    Kommentar: Warum Abiy Ahmed ein guter Friedensnobelpreisträger ist

    Der äthiopische Ministerpräsident Abiy Ahmed Foto: Francisco Seco, dpa

    Wer fest mit Greta Thunberg gerechnet hatte, mag verwundert sein. Der Friedensnobelpreisträger 2019 heißt Abiy Ahmed – doch die Verleihung an den äthiopischen Ministerpräsidenten ist keine Überraschung. Wer mit so viel Mut, Risiko und in einem so atemberaubenden Tempo Reformen im eigenen Land vorantreibt und Frieden schließt mit dem verfeindeten Nachbarstaat, der musste auf der Kandidatenliste ganz oben stehen.

    Der Kurs, den Abiy nach Amtsantritt im April 2018 eingeschlagen hat, erinnert an Gorbatschows Perestroika in den 80er Jahren – nur schafft Abiy noch viel schneller Fakten. Vielleicht auch deshalb, weil das Zeitfenster für einen radikalen Wandel begrenzt sein könnte.

    Mutige Reformen im Land und Frieden mit Nachbarn

    Wenige Wochen im Amt, lässt er politische Gefangene frei, ruft Exil-Äthiopier zur Rückkehr auf, legalisiert Oppositionsgruppen und besetzt die Hälfte der Ministerien mit Frauen. Im Land wird er gefeiert wie ein Popstar, riesig sind die Hoffnungen in dem Vielvölkerstaat mit 110 Millionen Einwohnern, dem am Horn von Afrika große geostrategische Bedeutung zukommt.

    Im Sommer 2018 sein größter Coup: Der Friedensschluss mit Eritrea, das seit 1998 mit Äthiopien einen erbitterten Grenzkrieg führte. Ein Krieg um unwirtliches Bergland, der den diktatorischen und autoritären Staatenlenkern vor allem zur eigenen Profilierung diente.

    Abiy profiliert sich anders. Er ist der große Hoffnungsträger, Friedensstifter auch im benachbarten Sudan – und zuletzt auch Klimaretter: Im Juli stellte Äthiopien mit 354 Millionen gepflanzten Bäumen binnen zwölf Stunden einen neuen Weltrekord auf. Bis Oktober sollen landesweit vier Milliarden Setzlinge gepflanzt sein. Eine Aktion im Kampf gegen Erosion und Versteppung. Aber natürlich gilt die Aufforstung auch als Instrument im Kampf gegen einen Klimawandel, der gerade in afrikanischen Ländern Menschen zur Flucht zwingt. Allein in Äthiopien sind es derzeit über drei Millionen, wovon die Weltöffentlichkeit kaum Notiz nimmt.

    Ministerpräsident Abiy hat viel riskiert – und steht mittlerweile gewaltig unter Druck. Trotz guter Wirtschaftsraten (prognostiziertes Wachstum in diesem Jahr: 7,2 Prozent) kommen die Reformen noch nicht beim Volk an. Ethnische Spannungen haben sich massiv verstärkt, Konflikte und bewaffnete Kämpfe sind aufgeflammt. Der Glanz des Popstars ist verblasst. Kritiker werfen Abiy Passivität vor. Er lasse ethnisch motivierte Gewalt geschehen und sehe zu, wie sich Angehörige der Volksgruppe der Oromo – er selbst ist Chef der gemäßigten Oromo-Partei im Regierungsbündnis – sukzessive des Staatsapparats bemächtigten.

    Nobelpreis ist eine Aufforderung für ganz Afrika

    Gleich wie – der Nobelpreisträger steht vor der großen Herausforderung, jahrzehntelange Unterdrückung abzulösen durch ethnischen Ausgleich, Demokratie und Aussöhnung. Erste Schritte sind gemacht, doch die Lage im Land ist fragil bis explosiv. Gerade deshalb ist die Entscheidung des Nobelpreiskomitees so wichtig und richtig. Sie stützt den Reformer gegen die Feinde einer Liberalisierung und Demokratisierung. Gleichzeitig ist sie Auftrag für Abiy, auf dem eingeschlagenen Weg weiterzugehen. Er soll beweisen, dass er es ernst meint.

    Demokratisierungsbewegungen zwischen Kairo und Kapstadt hat der Westen in der Vergangenheit oft zu spät unterstützt – afrikanische Pflänzchen der Hoffnung gingen wieder ein. Das soll sich in Äthiopien nicht wiederholen. Dieser Friedensnobelpreis strahlt weit über Äthiopien aus. Denn das Komitee schickt eine Botschaft über den ganzen afrikanischen Kontinent: Ihr Präsidenten und Staatenlenker, schaut auf Eure Völker, respektiert die Minderheiten, sorgt für Demokratie und politische Teilhabe, stärkt die Frauen und beendet sinnlose Kriege!

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