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    Nach Schüssen in Halle: Experte spricht von "neuem Täter-Typus"

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    Vier Motive nennt der Rechtsextremist Stephan B. in seinem bizarr wirkenden Bekennerschreiben, das der 27-Jährige auf rechtsextremistischen Foren vor der Tat verbreitet hat. „So viele Nicht-Weiße, bevorzugt Juden zu töten“, die Moral unterdrückter Weißer zu stärken und dabei nicht zu sterben, heißt es in dem in ziemlich makellosem Englisch verfassten Papier. Doch als ersten Punkt nennt der Terrorist den Praxistest von „improvisierten Waffen“. So nennt man vor allem in rechtsradikalen Kreisen den Selbstbau von Schusswaffen bis zum Sturmgewehr.

    Stephan B. benutzte bei seinem Terroranschlag, zumindest während er die Tat selbst mit einem auf einem Militärhelm fixierten Smartphone filmte, eine komplett selbst gebaute Maschinenpistole und eine selbst gebastelte Pumpgun, die er für jeden Schuss nachladen musste. Zwei Menschen tötete der Rechtsextremist damit aus allernächster Nähe.

    Effekt des Waffenrechts

    Auf dem Tatvideo ist zu sehen, wie sein Arsenal oft versagt, die Waffen Ladehemmung haben, Selbstbaugranaten nicht zünden, er das Türschloss der Synagoge nicht trifft. „Es ist bei all den schrecklichen Ereignissen ein positiver Aspekt, dass der Täter keinen Zugang zu funktionierenden Waffen gefunden hat“, sagt der Londoner Terrorexperte Peter Neumann, der das Tätervideo ausgewertet hat. „Das deutsche Waffenrecht hat in Halle zweifellos zahlreichen Menschen das Leben gerettet“, glaubt der in London arbeitende und aus Würzburg stammende Terrorforscher Neumann.

    Stephan B. mag als Einzeltäter gehandelt haben, die Gefährlichkeit des rechten Terrorismus mache dies aber nicht kleiner, sondern noch größer, betont der Experte. Neumann forscht seit über zehn Jahren am renommierten King?s College in London über die Entstehung von Terrorismus und die Radikalisierung überwiegend junger Extremisten.

    „Wir haben in Europa und Deutschland zwar nur eine eher geringe Zunahme bei der Zahl von Rechtsextremisten, aber innerhalb der rechtsextremistischen Szene gewinnt Terrorismus als Aktionsform an Zuspruch“, warnt Neumann. Zunehmend werden dabei als Einzeltäter agierende Extremisten zum Vorbild.

    „Das ist für Deutschland ein neuer Täter-Typus“, betont Neumann. Bei Stephan B. handle es sich offensichtlich nicht um einen typischen deutschen Neonazi aus einer Kameradschaft, sondern einen sogenannten selbstradikalisierten Einzeltäter, der in einer internationalen rechtsextremen Netzgemeinde Anerkennung und Nachahmer suche.

    Stephan B. war auf der Onlineplattform „8chan“ unterwegs. Dort tummeln sich massenhaft Rechtsextremisten und Perverse, die sich auch ohne ideologische Motive an den Massenmördern ergötzen. Der 27-Jährige schreibt, auf „8chan“ einen Unterstützer gefunden zu haben, der seine Taten mit einem „halben Bitcoin“ (derzeit umgerechnet knapp 4000 Euro wert) angeblich mitfinanziert habe.

    Auf „8chan“ kündigt Stephan B. seine Tat mit einer „Dokumentation“ an. Darin zeigt er auf Fotos sein Waffenarsenal samt sieben Nagelbomben und elf Handgranaten. Er verweist auf Bauanleitungen im Internet und präsentiert einen einseitigen Tatablaufplan. Inzwischen ist „8chan“ ins Darknet abgewandert, wo die Plattform ein deutlich kleineres Publikum erreicht, aber für Extremisten erreichbar bleibt. Betrieben wird die Seite von einem auf den Philippinen lebenden US-Bürger.

    Meist vernetzen sich Rechtsextremisten wie auch Islamisten auf von außen geschlossenen Messengerdiensten wie „Telegram“. Doch es gibt weiter auch im offenen Internet unzählige Foren, in denen sich Extremisten radikalisieren und einer internationalen Szene von Gleichgesinnten andienen. „Dafür spricht auch, dass der Täter im Video weitgehend Englisch spricht und seine Schreiben auf Englisch verfasst hat“, sagt Terrorforscher Neumann. „Das sieht man auch an der Ideologie, die zwar in erster Linie antisemitisch ist, sich aber auch gegen den Feminismus richtet.“ Dies sei typisch für die neue internationale Rechtsextremen-Szene. „Es geht um den weißen Mann“, sagt Neumann – auch wenn das „etwas weicher“ formuliert werde.

    Sicherheitsbehörden „nicht blind“

    Längst gebe es intellektualisierte Formen dieser rechtsextremen Ideologie. „In Amerika ist es die ,Alt-Right‘-Bewegung, in Deutschland sind es die ,Identitären‘“, erklärt Terrorismusforscher Neumann. Die Verschwörungstheorien seien die gleichen, die auch von den Attentätern benutzt würden: „Man spricht vom ,großen Austausch‘, ,Remigration‘ oder einer zu schützenden europäischen Zivilisation.“

    Die Sicherheitsbehörden seien auf dem rechten Auge nicht blind, betont Terrorforscher Neumann. „Sie wissen ziemlich genau, wer in den rechtsextremen Kameradschaften vor Ort unterwegs ist.“ Doch in den virtuellen Netzwerken, die meist über nationale Grenzen funktionieren, seien sie noch immer zu wenig als Beobachter präsent. „Es wurde bislang nicht ausreichend erkannt, dass das ein wichtiges virtuelles Spielfeld ist, wo sich Rechtsextremisten treffen und vernetzen.“

    Von Michael Pohl

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