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    PARIS

    Polizistenmord: Vorwurf der Vertuschung

    Messerattacke in Paris
    Polizeibeamte und Soldaten versperrten den Weg nahe der Pariser Polizeipräfektur nach einer Messerattacke. Bei dem Angriff in der Präfektur starben am 3. Oktober fünf Menschen, vier Opfer und der Angreifer. Foto: Jair Cabrera Torres, dpa

    Nach neuen Enthüllungen über den Mann, der bei einer Messerattacke am Donnerstag in der Polizei-Hauptdienststelle von Paris vier Menschen ermordet und eine Frau schwer verletzt hat, geraten die französische Regierung und Innenminister Christophe Castaner zunehmend unter Druck. Der Vorwurf steht im Raum, dass bewusst Informationen über die religiöse Radikalisierung des Attentäters Mickaël Harpon zurückgehalten wurden, der seit 2003 als IT-Spezialist im Hochsicherheitsbereich des Polizei-Geheimdienstes gearbeitet hatte. Sieben Minuten hatte sein mörderischer Gang durch das Präfektur-Gebäude gedauert, bis ihn ein 24-jähriger Praktikant erschoss, der erst seinen sechsten Tag bei der Polizei hatte.

    Er sei völlig unauffällig gewesen, hatte es zunächst von Harpon geheißen. „Wir haben keinen Hinweis auf eine eventuelle Radikalisierung“, sagte Regierungssprecherin Sibeth Ndiaye in einer ersten Reaktion. Dass er vor 18 Monaten zum Islam konvertiert sei, mache ihn ja noch nicht verdächtig. Es habe „nicht das geringste Warnsignal“ gegeben, versicherte Innenminister Castaner.

    Psychische Probleme

    Vielmehr sickerte aus dem Verhör von Harpons Ehefrau durch, dass dieser in der Nacht zuvor Stimmen gehört habe. Das wies auf psychische Probleme hin, zumal er in seiner Arbeit frustriert gewesen sein soll und unter seiner Hörbehinderung litt. Inzwischen kam aber heraus, dass Harpon einem Kollegen zufolge den blutigen Terror-Anschlag auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ 2015 gerechtfertigt haben soll. Das erstaunt umso mehr, da der Mann in einer Abteilung des französischen Nachrichtendienstes arbeitete, die für den Kampf gegen den radikalen Islam zuständig ist. „Natürlich gab es eine Fehlstelle“, räumte Castaner gestern (Sonntag) ein. Aber er habe davon nichts gewusst. Bereits vor rund zehn Jahren soll Harpon zum Islam konvertiert sein. Der 45-jährige Vater zweier Kinder, der von der französischen Karibikinsel Martinique stammt, besuchte eine umstrittene Moschee in seinem Wohnort Gonesse, hatte Kontakte zu Mitgliedern der salafistischen Szene und eine „radikale Sicht auf die Religion“, sagte Jean-François Ricard, Chef der Anti-Terror-Abteilung der Pariser Staatsanwaltschaft bei einer Pressekonferenz am Samstag. Diese nahm am Freitagabend Ermittlungen auf. Warum erst so spät? Man habe zunächst die notwendigen Untersuchungen durchführen müssen, hieß es aus dem Büro des Premierministers Édouard Philippe.

    Vertrauen ausgesprochen

    Er kündigte verschärfte Kontrollen in allen Geheimdiensten an, die an der Terrorismusbekämpfung beteiligt sind, und sprach Castaner, der Präsident Emmanuel Macron nahesteht, sein Vertrauen aus. Die Opposition fordert bereits dessen Rücktritt. „Ist es Inkompetenz? Vertuschung?“, fragte der republikanische Abgeordnete Guillaume Larrivé. Rechtspopulistin Marine Le Pen sprach von einem Staatsskandal und forderte eine parlamentarische Untersuchungskommission.

    Staatsanwalt Ricard geht davon aus, dass Harpon seine Morde geplant hat. Die Autopsien der Todesopfer ergaben, dass er diese mit „extremer Gewalt“ ausführte. Eine halbe Stunde, bevor er zwei Messer kaufte und im Anschluss zur Tat schritt, hatte er 33 SMS mit seiner Frau ausgetauscht, die laut Ricard „ausschließlich religiösen Charakter“ hatten und endeten mit „Allahu Akbar“ („Gott ist groß“). Die 38-jährige gebürtige Marokkanerin befindet sich weiter in Untersuchungshaft. Auch sie ist muslimischen Glaubens und hörbehindert; vor zehn Jahren strengte sie ein Verfahren wegen Gewalt in der Ehe gegen ihren Mann an, das aber wieder eingestellt wurde.

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