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    Thyssenkrupp-Chef Kerkhoff soll wieder gehen

    Guido Kerkhoff
    Guido Kerkhoff im Februar bei einer Hauptversammlung von Thyssenkrupp. Foto: Rolf Vennenbernd

    „Und wenn man mich nicht mehr will, dann soll man mir das sagen” - nur gut einen Monat ist es her, dass Thyssenkrupp-Chef Guido Kerkhoff dem „Spiegel” auf die Frage nach seiner Zukunft diese Antwort gab.

    Am Dienstagabend war es überraschend schnell so weit: Präsidium und Personalausschuss des Aufsichtsrats empfahlen, dem erst seit Juli vergangenen Jahres amtierenden Vorstandsvorsitzenden den Laufpass zu geben. Der Aufsichtsrat solle „Verhandlungen über eine zeitnahe Beendigung seines Vorstandsmandates” aufnehmen.

    Kerkhoff hat offensichtlich bei allen wichtigen Gruppen des Traditionskonzerns seinen Kredit aufgebraucht. Präsidium und Personalausschuss des Aufsichtsrats sind paritätisch mit Vertretern von Anteilseignern und Arbeitnehmern besetzt. Die endgültige Entscheidung des Aufsichtsrats über die Ablösung von Kerkhoff gilt deshalb nur als Formsache.

    Das Ruder bei dem angeschlagenen Industrieriesen soll jetzt vorübergehend die bisherige Aufsichtsratsvorsitzende Martina Merz übernehmen. Merz ist erst seit Februar Chefkontrolleurin des letzten großen Industriekonzerns an der Ruhr und damit auch im Präsidium und im Personalausschuss vertreten. Die frühere Bosch-Managerin mit Maschinenbau-Examen soll längstens zwölf Monate Vorstandsvorsitzende bleiben und dann in den Aufsichtsrat zurückkehren. In dieser Zeit soll Siegfried Russwurm den Aufsichtsrat leiten. Auch der frühere Siemens-Manager sitzt erst seit diesem Jahr in dem Gremium.

    Merz hat die Rückendeckung der beiden wichtigsten Aktionäre von Thyssenkrupp. „Martina Merz hat das volle Vertrauen der Stiftung”, teilte die Krupp-Stiftung, die mit rund 21 Prozent größter Anteilseigner ist, am Mittwoch mit. Ein solches Bekenntnis zu Kerkhoff hatte es von der Stiftung zuletzt nicht mehr gegeben. Da hieß es lediglich, die Stiftung stehe „hinter dem vom Vorstand eingeschlagenen Weg”.

    Auch der schwedische Investor Cevian, der rund 18 Prozent an Thyssenkrupp hält, begrüßte die geplante Berufung von Merz. „Wir unterstützen die Ernennung von Martina Merz zur Vorstandsvorsitzenden voll und ganz”, erklärte dessen Co-Chef Lars Förberg. Er dringt seit langem auf mehr Tempo beim Umbau von Thyssenkrupp. Jetzt ist Förberg „zuversichtlich, dass Thyssenkrupp nun endlich eine eindeutige Strategie und einen klar definierten Maßnahmenplan erhält”. Für Merz dürfte aus Sicht von Cevian sprechen, dass sie bei Bosch erfolgreich den Verkauf von Unternehmensteilen geleitet hat.

    Kerkhoff war es nicht gelungen, den schlingernden Tanker Thyssenkrupp auf Kurs zu bringen. Als der langjährige Finanzchef im Juli 2018 das Ruder in Essen übernahm, hatte sein Vorgänger Heinrich Hiesinger entnervt über Querschüsse von Investoren das Handtuch geworfen. Kerkhoff wurde zunächst zum Übergangschef berufen. Nach längerer Suche bekam Kerkhoff schließlich im Herbst einen Vertrag bis 2023.

    Was folgte, waren Strategiewechsel, Gewinnwarnungen und Kursverluste an der Börse. Zuletzt büßte der Konzern sogar die prestigeträchtige Mitgliedschaft im Dax ein. Kerkhoff wollte zunächst den Konzern mit seinen 160.000 Mitarbeitern in zwei eigenständige Unternehmen für Werkstoffe und Industriegüter aufspalten.

    Nachdem die geplante Stahlfusion mit dem Konkurrenten Tata Steel am Veto der EU-Wettbewerbshüter gescheitert war, sagte Kerkhoff die Aufspaltung ab. Stattdessen soll der Konzern jetzt radikal umgebaut werden. Dabei sollen 6000 Stellen gestrichen werden. An diesem Konzept will Thyssenkrupp auch nach dem Abgang von Kerkhoff festhalten.

    Zum Zerwürfnis zwischen Kerkhoff und der Aufsichtsratsspitze könnte auch die Debatte um die Zukunft der Aufzugssparte des Konzerns beigetragen haben. Um Geld in die leeren Kassen zu bekommen, hatte Kerkhoff einen Teil-Börsengang des hoch profitablen Geschäfts geplant. Auf die Möglichkeit, die Aufzugssparte ganz oder teilweise an einen Konkurrenten oder andere Investoren zu verkaufen, hatte sich er sich nur sehr zögerlich eingelassen.

    Die IG Metall ist jedenfalls alarmiert. „Ein weiterer Personalwechsel bei Thyssenkrupp führt nicht zur Beruhigung, sondern zu weiterer Unruhe bei den Beschäftigten”, sagte ihr nordrhein-westfälischer Bezirksleiter Knut Giesler. Insbesondere bei den Beschäftigten der Aufzugssparte von Thyssenkrupp gebe es massive Verunsicherungen. „Es kann nicht sein, dass die Beschäftigten dem Finanzmarkt zum Fraß hingeworfen werden”, warnte Giesler.

    Und auch die Düsseldorfer Landesregierung verfolgt die Entwicklung bei einem der wichtigsten Arbeitgeber in Nordrhein-Westfalen aufmerksam. „Aufgabe der neuen Unternehmensleitung ist es, gemeinsam mit den Beschäftigten und den Kapitaleignern ein zukunftsfähiges Konzept für ThyssenKrupp zu entwickeln”, sagte NRW-Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP). „Nach wechselvollen Wochen und Monaten brauchen die Mitarbeiterinnen, Mitarbeiter und Standorte eine verlässliche Perspektive.”

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