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    BRÜSSEL / LESBOS

    Unmenschliche Zustände in griechischen Flüchtlinslagern

    GREECE-EUROPE-MIGRANTS
    Hunderte Flüchtlinge wurden Anfang September von der Insel Lesbos auf das griechische Festland gebracht. Die Situation in den Lagern auf der Insel war eskaliert. Foto: SAKIS MITROLIDIS, afp

    Als Fatima Anfang Juli endlich in der Kinderklinik des Flüchtlingslagers Moria ankommt, muss ihr Vater sie tragen. Das neun Jahre alte Mädchen kann nicht gehen, seit vier Jahren. Damals, so beschrieben die Helfer von „Ärzte ohne Grenzen“ gegenüber dieser Redaktion die Ereignisse, explodierte eine Bombe vor dem Haus der afghanischen Familie. Ihr Bruder starb bei dem Anschlag, gerade mal vier Jahre alt. Fatima wurde auf die andere Straßenseite geschleudert, ihr Bein schwer verwundet. Einen Monat später floh die Familie in die Türkei. Die dortigen Ärzte operierten das Mädchen zwar, erklärten aber, es gebe „ein Problem“ mit dem Rückenmark und sie könnten nicht mehr machen. „Wir hatten keine andere Wahl, als hierher zu kommen“, erzählte ihr Vater bei der Ankunft den Medizinern der Organisation „Ärzte ohne Grenzen“, die das Kind daraufhin erstmals pädiatrisch behandeln.

    Es ist nur eine Szene aus dem völlig überfüllten Auffangzentrum Moria auf der griechischen Insel Lesbos, wo die Familie seither lebt – in einem Container mit gerade mal vier Quadratmetern Platz. Das griechische Gesundheitssystem hat lediglich zwei Mediziner für rund 10 000 Menschen abgestellt. Ohne die Hilfesorganisationen ginge gar nichts. „Immer mehr dieser Kinder hören auf zu spielen, haben Alpträume und Angst, aus ihrem Zelt herauszugehen“, sagt Katrin Brubakk, Leiterin des psychologischen Programms auf Lesbos. „Einige hören ganz auf zu reden.“

    Vor einigen Wochen eskalierte die Situation, Flüchtlinge demonstrierten und forderten Hilfe. Daraufhin ließ die Athener Regierung etwa 1500 Menschen auf das Festland bringen, um die Situation zu entspannen. Allein im August kamen nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerkes rund 8000 Menschen aus der Türkei nach Lesbos. Vor allem an den griechischen Behörden gibt es viel Kritik. Die Abwicklung der Verfahren, die Erfassung der Hilfesuchenden – alles geschehe zu langsam. Viele Asylexperten, die andere Mitgliedstaaten ausgeliehen hatten, seien frustriert wieder abgereist. „Es funktioniert praktisch nichts“, erzählte ein Beamter unserer Zeitung.

    Nicht nur deswegen wächst die Angst vor einem neuen Flüchtlingsstrom. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan droht mit der Öffnung der Grenzen, heißt es – und mit dem Aus für den Flüchtlingsdeal, der die Zahlen seit dessen Start 2016 so drastisch hatte sinken lassen. „Das ist eine politikgemachte Krise – und sie ist nicht neu“, kommentiert Tommaso Santo, Landeskoordinator von „Ärzte ohne Grenzen“ in Griechenland. Die Schuld dafür liegt nicht in erster Linie bei Erdogan oder der EU, sondern vor allem bei Griechenland, sagen Experten. Die Griechen „bekommen es in der Praxis einfach nicht auf die Reihe“, meinte auch Daniel Thym, Direktor des Forschungszentrums Ausländer- und Asylrecht in Konstanz, in einem Interview. „Der Türkei-Deal wurde nie konsequent umgesetzt, weshalb Erdogan auch nicht einfach die Schleusen öffnen kann – sie waren ja nie geschlossen.“ Auch im Bundesinnenministerium sieht man die Defizite: Es bestehe „Verbesserungsbedarf insbesondere bei Rückführungen in die Türkei, um die schwierige Lage auf den griechischen Inseln zu verbessern“, sagte ein Sprecher.

    Vor drei Jahren vereinbarten Ankara und die EU, illegale Migranten, die von türkischem Boden nach Griechenland fahren, wieder zurückzuschicken. Das passierte selten, meist aber gar nicht. Für die Mithilfe der Türkei stellte die Gemeinschaft sechs Milliarden Euro zur Verfügung, damit das Land am Bosporus die insgesamt 3,6 Millionen Flüchtlinge aus Syrien aufnimmt. Lediglich 2,4 Milliarden Euro wurden bisher ausgezahlt. Der Rest hängt irgendwie zwischen Zusage und Planung fest. Projekte kommen nicht weiter. Erdogan, so heißt es in Brüssel, fordere nur, was ihm zustehen.

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