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    Wem öffnet Sebastian Kurz die Tür?

    Wien 02.10.2019, Praesidentschaftskanzlei, Wien, AUT, Bundespraesident empfaengt den OeVP-Chef zu einem informellen Ges
    Die berühmteste Türklinke Österreichs: Sebastian Kurz in der Wiener Hofburg, dem Sitz des Bundespräsidenten. Foto: Imago Images

    Wenn es in Österreich ums große Ganze geht, dann schaut die Alpenrepublik auf eine mit rotem Stoff bezogene Tür. An der goldverzierten Klinke ist die prunkvolle kaiserlich-königliche Vergangenheit des Landes im wahrsten Sinne des Worte mit Händen zu greifen. Auch an diesem Montag richten sich die Blicke der Österreicher kollektiv wieder auf diese Tür in der Wiener Hofburg. Dort, wo einst die Habsburger herrschten, residiert nun der Bundespräsident. Alexander van der Bellen ist ein älterer Herr von 75 Jahren. Ein ruhender Pol in aufgewühlten Zeiten. Nach zwei vorzeitig geplatzten Koalitionen, allerhand Skandalen und einer Schlammschlacht im Wahlkampf wird er Sebastian Kurz den Auftrag erteilen, eine neue Regierung zu bilden, die vor allem eines sein soll: stabil. Nur mit wem?

    Irgendwer wird immer enttäuscht sein

    Selten hat der Spruch von der Qual der Wahl besser gepasst. Denn egal, wie sich der junge Altkanzler entscheidet: Er wird einen Teil seiner eigenen Wähler enttäuschen. Dass es für ein Bündnis mit der sozialdemokratischen SPÖ oder der rechtspopulistischen FPÖ reichen würde, stand schon vor der Wahl fest. Mit dem historischen Comeback der Grünen geht sich jetzt aber auch eine dritte Option aus, die den Bald-Wieder-Kanzler in argumentative Schwierigkeiten bringen wird - so oder so. Neuerdings wird in Wien jedenfalls wieder öfter über K und K gesprochen. Gemeint ist diesmal aber nicht die kaiserlich-königliche Doppelmonarchie Österreich-Ungarn, sondern das Duo Kurz und Kogler.

    Der grummelige Herr Kogler

    Werner Kogler ist der Mann, der die Grünen – 2017 noch aus dem Parlament geflogen – so spektakulär wiederbelebt hat. Und er ist rein phänotypisch das komplette Gegenteil seines potenziellen Partners. Während der smarte 33-jährige Kurz das Rampenlicht und die große Bühne liebt, scheint es dem grummeligen 57-jährigen Kogler bis heute eher zuwider, wenn sich alles um ihn dreht. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass der Grüne nicht gerne regieren würde. Auf eine mögliche Koalition mit den Konservativen angesprochen, ließ Kogler wissen, er warte erst mal darauf, dass sich Kurz bei ihm meldet. „Und wenn er nicht anruft, dann rufe ich ihn an.“

    Das Einzige, was die Politiker zu verbinden scheint, ist der Erfolg. Beide haben ihre Parteien in schwierigen Zeiten übernommen und quasi runderneuert. Kurz hat sogar die Parteifarbe geändert – von schwarz zu türkis. Bei ihm ist die Aufbruchstimmung schon mit seiner jugendlichen Tatkraft zu erklären.

    Die grünen Fundis hatten sich quergelegt

    Bei Kogler liegen die Dinge ein bisschen anders. Er gehört schon ewig zum Spitzenpersonal der Grünen und hat es dennoch geschafft, sie aus der außerparlamentarischen Bedeutungslosigkeit zu retten. Der bärbeißige Mann aus der Steiermark ist einer der letzten Aktiven, die dabei waren, als ÖVP und Grüne 2003 schon einmal eine Koalition ausloteten. Grünen-Chef war damals übrigens ein gewisser Alexander van der Bellen.

    Am heutigen Bundespräsidenten oder an Kogler wären die Gespräche vermutlich nicht gescheitert. Es waren eher die grünen Fundis, die sich querlegten. Doch ähnlich wie in Deutschland, sind auch die Grünen in Österreich mit den Jahren pragmatischer geworden. Was also spricht dagegen, eine Koalition der Wahlsieger zu schmieden, die wie keine andere einen echten Neuanfang verkörpern würde?

    Antworten auf diese Frage findet man im zurückliegenden Wahlkampf. Kurz wurde immer dann gefeiert, wenn es um den Kampf gegen illegale Migration und sein Bekenntnis zum Mitte-Rechts-Kurs ging. Kogler punktete bei seinen Anhängern, wenn er gegen den „schnöselhaften Herrn Kurz“ polterte.

    Eigentlich eine Riesensache

    Sind die türkis-grünen Gedankenspiele also nur Fantasien abgehobener Eliten, wie Kritiker gerne spötteln? Zumindest kann man sich nur mit Mühe vorstellen, wie K und K nun ihrem Publikum erklären sollen, dass eine gemeinsame Regierung mit dem anderen doch eigentlich eine Riesensache wäre. Zur Wahrheit gehört aber eben auch, dass es unter den Kurz-Anhängern eine Menge Leute gibt, die den Pakt mit der rechtspopulistischen FPÖ nur unter Schmerzen ertragen haben. Und dass sich die Sache mit dem Klimawandel nicht von alleine lösen wird, haben sie in der ÖVP-Zentrale auch längst begriffen. Gleichzeitig betonte Kogler immer wieder, dass christlich-soziale Wähler klar zur Zielgruppe der Grünen gehören. Und auch der von Kurz immer und immer wieder geforderte bessere Schutz der EU-Außengrenzen ist für Kogler nicht per se Teufelszeug.

    Er will mit allen Mitbewerbern reden

    Womöglich sind die Hürden doch nicht ganz so hoch, wie es bislang schien. Zumal so eine Koalition ja immer eine Frage der Alternativen ist. Mit den Sozialdemokraten hätte Kurz ähnliche inhaltliche Probleme wie mit den Grünen. Und ohne Not ein weiteres Mal mit den von immer neuen Skandalen und Schmutzeleien erschütterten Rechtspopulisten zu paktieren, wäre angesichts der FPÖ-Wahlschlappe deutlich schwieriger zu erklären als 2017.

    Reden will Sebastian Kurz mit allen Mitbewerbern. Das wird dauern. Eher Monate als Wochen. Am Ende werden die Österreicher dann wieder kollektiv auf eine rote Tür mit goldenem Griff schauen.

    Von Michael Stifter

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