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    BERLIN

    Zorn der Gelassenen auf die Politik

    Wohnen in Berlin
    Das erste Mal haben die Meinungsforscher im Auftrag der R+V-Versicherung nach den Mietverhältnissen in deutschen Städten gefragt. Die schafften es mit 45 Prozent sofort auf Rang sechs der größten Ängste der Deutschen. Foto: Paul Zinken, dpa

    Zwiegespalten ist die Seelenlage der Deutschen. Einerseits geht es dem Land gut und die Sorgen sind so klein wie zuletzt vor einem Vierteljahrhundert. Auf der anderen Seite ist das Land politisch aufgewühlt und die Unzufriedenheit mit den Politikern groß.

    Diese Ambivalenz zeigt die aktuelle Angststudie der R+V-Versicherung, die seit beinahe 30 Jahren den Gemütszustand der Deutschen abfragt. „Seit vier Jahren verdrängen politische Sorgen alle anderen Ängste“, sagte Brigitte Römstedt von der R+V bei der Vorstellung der Ergebnisse. Rund 2500 Menschen wurden dafür befragt.

    Mit 56 Prozent fürchtet über die Hälfte, dass der Staat durch die große Zahl an Flüchtlingen überfordert ist. Im vergangenen Jahr war die Angst mit 63 Prozent allerdings noch größer. Ebenfalls mehr als jeder Zweite hat Angst davor, dass es durch den weiteren Zuzug von Ausländern zu mehr Spannungen mit den Einheimischen kommt (Vorjahr: 63 Prozent). Den dritten Platz in der Angst-Folge hält Donald Trump besetzt, von dem 55 Prozent erwarten, dass er die Welt gefährlicher macht. Das erste Mal haben die Meinungsforscher nach den Mietverhältnissen in deutschen Städten gefragt, die es mit 45 Prozent sofort auf Rang sechs der größten Ängste schafften.

    „Wenn das die Schulnoten meiner Kinder wären, würde ich mir ernsthafte Sorgen machen.“
    Brigitte Römstedt, R+V-Versicherung

    Das Vertrauen in die Politiker, die Probleme zu bewältigen, ist bei den Bürgern gering. In Schulnoten ausgedrückt reicht es im Durchschnitt wie in den letzten Jahren nur für eine Vier. Nur sieben Prozent bewerten die Leistung des politischen Personals mit gut. Die Zensur eins wurde praktisch nicht vergeben, dafür die die Note sechs von jedem Zehnten.

    Die Partei, die am stärksten von der Furcht vor Flüchtlingen profitiert, ist die AfD. Der Heidelberger Politikwissenschaftler Manfred Schmidt, der die Angst-Studie seit Jahren begleitet, hält den Umgang der etablierten Parteien mit den Rechtsauslegern und ihren Wählern für fruchtlos.

    „Die Politik der Ausgrenzung ist falsch“, sagte Schmidt bei der Vorstellung der Ergebnisse. Es müsse um Einbindung gehen. Dann, so Schmidt, müsse die AfD zeigen, ob sie Lösungen für konkrete Probleme zustande bringe. Für Schmidt persönlich bleibt die Politikverdrossenheit eines der größten Probleme in Deutschland. „Jeder Dritte bewertete die Arbeit von Politikern mit den Schulnoten mangelhaft und ungenügend“, sagte er. „Wenn das die Schulnoten meiner Kinder wären, würde ich mir ernsthafte Sorgen machen“, sagte Brigitte Römstedt,

    Trotz des unterstellten Versagens der Politik wird die Situation in Deutschland alles andere als düster empfunden. Denn insgesamt geht die Furcht in allen Bereichen – bis auf die steigenden Mieten – zurück.

    Paradoxerweise ist die Sorge vor Naturkatastrophen und Wetterextremen im Angesicht von Dürre, Hitze und Klimawandel so gering wie seit anderthalb Jahrzehnten nicht mehr. Nur vier von zehn Deutschen bereiten sie Bauchschmerzen. „Der Medienhype um die ,Fridays-for-Future‘-Bewegung kann hier nicht als Maßstab gewertet werden“, sagte Schmidt. Umweltthemen seien dennoch tief verankert in Deutschland. Am häufigsten sorgten sich aber nicht die Jüngsten, sondern die 20- bis 59-Jährigen um das Klima. Deutlich entspannter blicken die Menschen auf die eigene wirtschaftliche Lage. Die Angst vor Arbeitslosigkeit plagt nur noch jeden Vierten, die vor Altersarmut jeden Dritten.

    Der Blick auf Bevölkerungsgruppen ergibt, dass Frauen etwas ängstlicher sind als Männer, Ostdeutsche mehr Bange spüren als Westdeutsche. Aufgedröselt nach Bundesländern zeigt die Studie, dass die Gelassensten im Norden in Schleswig-Holstein und Hamburg sowie im Süden in Baden-Württemberg und Bayern wohnen. Am sorgenvollsten fühlen sich die Thüringer und Brandenburger. (Mit Infos von DPA)

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