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    KAIRO / JERUSALEM

    Ägypten kündigt einseitig Gasliefervertrag mit Israel

    Gaspipeline im Sinai: Ägypten hat den Liefervertrag mit Israel gekündigt. Die Leitung ist oft Ziel von Anschlägen.
    Gaspipeline im Sinai: Ägypten hat den Liefervertrag mit Israel gekündigt. Die Leitung ist oft Ziel von Anschlägen. Foto: dpa

    Die Ankündigung schlug ein wie ein Blitz. Ohne jede Vorwarnung teilte Ägyptens staatlicher Gaskonzern jetzt in einer dürren Verlautbarung mit, man habe den 2005 geschlossenen Liefervertrag mit Israel beendet. Damit ist das größte Geschäft aller Zeiten zwischen den beiden ungleichen Nachbarn von einem auf den anderen Tag zu einem vorzeitigen und abrupten Ende gekommen.

    Sinai-Pipeline

    Offiziell erklärte Kairo, der Schritt sei durch Streitigkeiten über Schadensersatz für die immer wieder von Attentätern sabotierte Sinai-Pipeline ausgelöst worden. Gleichzeitig belegt er aber auch die wachsende politische Zerrüttung zwischen Ägypten und Israel, die seit Camp David 1979 durch einen Friedensvertrag miteinander verbunden sind. Denn ohne Rückendeckung durch den Obersten Militärrat hätte Ägyptens Gaskonzern Israel den Hahn sicher nicht so einfach zugedreht.

    Entsprechend besorgt reagierte die Führung in Jerusalem. Dies sei „ein gefährlicher Präzedenzfall, der die Friedensverträge und die friedliche Atmosphäre zwischen Israel und Ägypten überschattet“, ließ Wirtschaftsminister Yuval Steinitz erklären und sprach von einer „großen politischen und wirtschaftlichen Beunruhigung“. Der frisch gewählte Oppositionsführer Shaul Mofaz sieht die Beziehungen beider Staaten auf „einem beispiellosen Tiefpunkt“ und nannte den einseitigen Schritt Kairos eine „dreiste Verletzung des Friedensvertrags“. Der arabische Fernsehsender Al Arabiya zitierte gar Israels Armeechef, Generalmajor Benny Gantz, mit den Worten, Israels Truppen seien auf jede Art von Konfrontation vorbereitet, falls sich Ägypten nach langen Jahren des Friedens wieder zum Feind wandeln sollte.

    Auf ägyptischer Seite hielt der frühere Chef der Luftwaffe, Generalmajor Tariq El-Mahdy, dagegen. Es gebe keinen inneren Zusammenhang zwischen Camp David und dem Gasvertrag, erklärte er im ägyptischen Fernsehen und fügte sibyllinisch hinzu: Niemand fälle leichtfertig Entscheidungen über Krieg und Frieden.

    Zum Krieg bereit

    Doch der Leitsatz von Ägyptens Armee sei, „wir sind bereit zum Krieg, sollte er morgen stattfinden“. In seinen Augen ist der Lieferstopp an Israel „ein Schritt in die richtige Richtung“ und gleichzeitig „ein Beleg dafür, dass nichts unmöglich ist“.

    Für viele Ägypter nämlich ist das 2005 geschlossene Energieabkommen der Inbegriff der Leisetreterin des Mubarak-Regimes gegenüber Israel und den Vereinigten Staaten. Zu Zeiten des allmächtigen Langzeit-Potentaten wagte niemand, dagegen zu opponieren. Seit der Revolution jedoch treten die Ressentiments gegen Israel offen zutage.

    Die ägyptische Öffentlichkeit reibt sich vor allem daran, dass Israel das Gas angeblich deutlich unter Weltmarktpreisen bezieht, was Jerusalem bestreitet. Nach Berechnungen der Kritiker am Nil könnte Ägypten bequem den doppelten Erlös erzielen. Und folglich steht der frühere Ölminister wegen Verschwendung öffentlichen Eigentums vor Gericht. Zudem ermittelte das renommierte PEW-Institut aus Washington in einer Umfrage, die Mehrheit des ägyptischen Volkes wolle den Friedensvertrag von Camp David nicht weiterführen.

    Vor vier Wochen verabschiedete das von Islamisten dominierte Parlament in Kairo nahezu einstimmig eine Resolution, welche die Ausweisung des israelischen Botschafters forderte und den Abbruch der diplomatischen Beziehungen. „Ägypten wird niemals Freund, Partner oder Verbündeter dieses zionistischen Gebildes sein, welches wir als den primären Feind Ägyptens und aller arabischen Nationen betrachten“, hieß es in dem Text. Weiter forderten die Abgeordneten die Regierung auf, „alle Beziehungen und Vereinbarungen mit dem Feind zu revidieren“.

    Von unserem Korrespondenten Martin Gehlen

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