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    BERLIN

    Alles schon mal gesehen

    Nie wird jemand behaupten können, dass das Wort „Wiederholung“ den Menschen elektrisiert. Wiederholungen tragen oft den Kern des Scheiterns in sich. Weil nichts beim zweiten oder dritten Mal so überwältigend schön (oder eben so enttäuschend) sein kann wie beim ersten Mal. Das gilt für Opernerlebnisse, Kinofilme, den Blick in den Sonnenuntergang an einem menschenleeren Strand und natürlich, und ganz besonders, für das erste Date.

    Das müssten auch die Fernsehmacher wissen, dennoch ist im Juli und im August Sparflamme angesagt – von wenigen meist musikalischen Highlights im Programm abgesehen.

    Dass die Sender seit Jahrzehnten Wiederholungen als Entdeckungsreise verkaufen, kann man verstehen. Jeder Krämer lobt seine Ware. Dass sich Programmpreziosen quotenmäßig während der Fußball-EM nicht durchsetzen konnten, war auch klar. Aber dennoch . . .

    Mit den Olympischen Sommerspielen in Brasilien vom 5. bis 21. August wird jedenfalls bereits der nächste Sport-Event die Kanäle von ARD und ZDF blockieren. Rund 325 Stunden live übertragen die öffentlich-rechtlichen Sender, so viel wie nie. Trotz der ungünstigen Zeitverschiebung von fünf Stunden. Viele Entscheidungen werden also erst, nach unserer Zeitmessung, in der Nacht fallen.

    Dazwischen immer wieder dieselben Pilcher-Filme im ZDF, und im Ersten fliegt der Zuschauer dank einer, zugegeben tollen Kamera über Venedig, um immer wieder Commissario Brunetti zu erleben. Was beim zweiten und dritten Mal noch interessant ist, schon wegen Vice-Questore Patta und Signorina Elettra, langweilt beim vierten Mal. Es ist halt Sommer, und bei schönem Wetter sitzt der Mensch halt lieber draußen. Da spielt die Glotze, die als altes Medium ohnehin auf dem absteigenden Ast ist, nicht mehr die große Rolle.

    Der Chef der ZDF-Programmplanung, Martin Berthoud, sagt deshalb: „Unterhalten kann man sich auch mit Wiederholungen“, doch er ergänzt, dass „die Zahl frischer Elemente im Sommer eher zugenommen hat.“ Nach Burchard Röver, Pressesprecher der ARD, könnten die Zuschauer ruhig im Biergarten sitzen. „Tatort“-Krimis oder die beim Publikum so beliebten Dramen und Liebesfilme um 20.15 Uhr könnten 30 Tage lang in der Mediathek im Internet abgerufen werden.

    Das Pfund allerdings, mit dem die gebührenfinanzierten Sender im Sommer wuchern, wiegt insgesamt betrachtet und, um bei dem Bild zu bleiben, nicht 500 Gramm, sondern eher 350 Gramm. Ziemlich leichtgewichtig das alles. Zumal: Ein vielfältiges, variantenreiches Programm verpflichte auch, argumentieren das ZDF und alle Sender der ARD, möglichst wirtschaftlich mit den Fernsehgeldern umzugehen.

    Ob das die Nutzer, von denen die öffentlich-rechtlichen Anstalten ja eine Art Zwangsgebühr bekommen, zufriedenstellt? Nicht zuletzt angesichts der jüngsten Diskussion um die lukrative Bezahlung der Fußball-Experten und der hinzugerufenen Kenner aus der zweiten und dritten Reihe bestehen daran erhebliche Zweifel. Man darf gespannt sein, wer außer den bereits verkündeten Olympia-Experten in Brasilien so alles aufmarschieren wird.

    ARD-Sprecher Röver akzeptiert jedenfalls die Vorwürfe nicht, wonach sich das Erste gemütlich zurücklehnt und in den Sommermonaten auf die Wiederholungstaste drückt. Er verweist auf das bereits gesendete hochkarätig besetzte Dokudrama „Der Traum von Olympia – die Nazi-Spiele von 1936“. Und „exklusiv“, fürs Fernsehen wohlgemerkt, auf die Kinokomödie „Winterkartoffelknödel“ am 25. Juli.

    Ein Stichwort, das totschlagmäßig seit vielen Jahren von ARD und ZDF verwendet wird, heißt „Publikumspotenzial“. Das werde sommers wie winters nie so richtig ausgeschöpft, weil in einem fragmentierten Markt sich inzwischen so viele Sender tummelten. Teure, fiktionale Produktionen wie der „Tatort“ oder die Sonntagsfilme auf der sogenannten Pilcher-Schiene im ZDF fänden noch immer bei Wiederholungen ihre Zuschauer. Letzteres freue insbesondere Ältere.

    Bei den Öffentlich-Rechtlichen hat man sich – aus deren Sicht – gute Argumente zurechtgelegt, um das Sommer-Programm zu erklären. Die Privatsender sind da weniger schreckhaft. Erstens ist ihre Klientel häufig mobil schauend unterwegs, und darüber hinaus müssen sich RTL, Sat.1, ProSieben oder Vox auch nicht anhören, dass sie Gebührengelder verschleudern. Vox schafft es immerhin, auf der populären Nachmittags-Schiene die weiblichen Fans von Guido Maria Kretschmers „Shopping Queen“ und „Vier Hochzeiten und eine Traumreise“ zu halten.

    Was richtig ist: Die großen Sender haben Probleme; die Sonne trocknet ihnen die Quoten aus, obwohl ARD und ZDF der reinen Gebühren-Lehre nach sie nicht bräuchten. Und der Feind lauert in den Streaming-Diensten. Netflix und Amazon etwa gewinnen an Boden. Mit der Serien-Power dieser Anbieter können ARD und ZDF nicht mithalten. Die Mediatheken-Nutzung der öffentlich-rechtlichen Sender ist ebenfalls nicht gerade explodiert – was damit zu tun hat, dass die Zuschauer nicht wild darauf sind, die Wiederholungen der „Rosenheim-Cops“ zu sehen oder Kinoklassiker, die sogar auf Youtube zu haben sind.

    Was bleibt also den Platzhirschen ARD und ZDF, die ein breites Angebot an Information, Unterhaltung, Kultur und Sport anbieten müssen, anderes übrig, als sich einen höheren Rundfunkbeitrag zu wünschen? Überaus fraglich aber, ob derlei in eine sich ständig medial wandelnde Landschaft passt.

    Wie fragwürdig die sommerliche Programmpolitik ist, zeigen überdies und vor allem der „ZDF-Fernsehgarten“ und „Immer wieder sonntags“ im Ersten. Bei beiden treten launige Musiker zu Playback-Klängen an, wobei ARD-Moderator Stefan Mross die kleineren Brötchen bäckt. ZDF-Kollegin Andrea Kiewel schrillt in größerem Rahmen, mitunter in kanarischen Hotelanlagen. Ältere Anhänger von Schlagermusik hätten Besseres verdient.

    Was bleibt? Wer den Henssler nicht grillen mag, kann sich zumindest an diesem Sonntag im BR-Fernsehen „Klassik am Odeonsplatz 2016“ ansehen und -hören. Ruhig ein bisschen lauter, falls die Nachbarn ihr Grillfest haben.

    Von unserem Mitarbeiter Rupert Huber

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