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    Halle

    Der Terror von Halle auf Twitch

    Twitch Logo Foto: Twitch

    Ein Bewaffneter, Schüsse, Tote: Zu sehen sind die Szenen live im Internet auf der Streaming-Plattform für Videospiele Twitch – der größten ihrer Art. Millionen Videospieler treffen sich dort jeden Tag und übertragen das Geschehen, das sich auf ihren Bildschirmen abspielt. Nur: Im Fall des schwer bewaffneten Mannes handelt es sich nicht um eine Figur aus einem Videospiel, sondern um Stephan B., der in Halle zwei Menschen erschießt.

    35 qualvoll lange Minuten dauert das Video. Rund eine halbe Stunde nach dem Übertragungsende nimmt Twitch es von der Plattform. Das US-Unternehmen, das zu Amazon gehört, erklärte, das Video sei gemeldet und entfernt worden. Fünf Nutzer hätten das Geschehen live verfolgt, rund 2200 die Aufzeichnung gesehen. Der Account, über den es verbreitet wurde, sei rund zwei Monate vor dem Anschlag erstellt worden. Sowie: „Unsere Untersuchungen legen nahe, dass Menschen sich koordiniert und das Video über andere Onlinedienste geteilt haben.“

    Zu dieser Erkenntnis kommen auch die Analysten des gemeinnützigen „Counter Extremism Project“. Verhindern soll eine solche Verbreitung ein Zusammenschluss von Facebook, Microsoft, Twitter oder Youtube: Das 2017 gegründete „Global Internet Forum to Counter Terrorism“ kooperiert nach Aussagen des Netzaktivisten Markus Beckedahl auch mit Sicherheitsbehörden. Die Unternehmen tauschen in Fällen wie jenem von Stephan B.s Video die digitalen Fingerabdrücke des Clips untereinander aus und verhindern technisch, dass er erneut hochgeladen werden kann. Das Problem: Wird das Originalvideo verändert, wird es nicht mehr immer automatisch erkannt.

    Sehen wir mit der Live-Übertragung von Anschlägen also eine neue Form der Terrorpropaganda, an die wir uns gewöhnen müssen? Beckedahl, Gründer von netzpolitik.org, glaubt, dass Clips wie der von Stephan B. „schwierig zu verhindern sein“ werden. Das Netz sei „zwar kein rechtsfreier Raum, aber ein rechtsdurchsetzungsarmer Raum“.

    Was damit zu tun habe, „dass unsere Justiz zusammengespart wurde, dass Staatsanwälte und Richter überlastet sind – und dass die Verfolgung von Hasskriminalität im Netz nie so richtig ernst genommen wurde“. Zugleich will er nicht die Internetfirmen entscheiden lassen, was Terror ist. Im „Global Internet Forum to Counter Terrorism“ sieht er eine „globale Form der Privatisierung der Rechtsdurchsetzung“.

    Von Daniel Wirsching, Anna Hell und Niklas Molter

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