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    ROM

    Der unberechenbare Papst

    Papst Franziskus spricht während einer Messe im Petersdom. Foto: Giorgio Onorati/Ansa/dpa

    Dass sich in der katholischen Kirche einiges verändern würde, war bereits am Abend des 13. März 2013 zu erkennen. „Buonasera“, „Guten Abend“, wünschte der gerade gewählte Papst Franziskus den Gläubigen auf dem Petersplatz in bis dahin unbekannter Einfachheit. Jorge Bergoglio musste sich bei seinem ersten öffentlichen Auftritt als Papst das Vaterunser vom päpstlichen Zeremonienmeister einflüstern lassen, weil er der italienischen Version noch nicht mächtig war. Die Kulisse römischer Perfektion war dahin.

    Der neue Papst, der erste Jesuit und erste Lateinamerikaner auf dem Stuhl Petri, ließ sich zuerst vom Volk segnen und erteilte dann erst seinerseits den Segen Urbi et orbi. „Beinahe vom Ende der Welt“ hätten seine Mitbrüder ihn als neues Oberhaupt der Katholiken ausgesucht, erklärte der bis dahin eher unbekannte Argentinier in seiner ersten Ansprache. Eine Revolution schien ihren Anfang genommen zu haben.

    Unbestritten ist, dass die katholische Kirche nach dem Rücktritt von Benedikt XVI. im Frühjahr 2013 in einem kritischen, gar verfallsähnlichen Zustand war und dass mit dem neuen Pontifex auf einmal alles möglich schien. „Er ist von einer Welle der positiven Meinung getragen worden“, sagt Benjamin Leven vom theologischen Fachverlag Herder in Rom. „Er ist jemand, der der Kirche Lockerungsübungen verordnet hat. Er ist das Gegenbild zu seinem Vorgänger.“

    Fraglos hat der heute 81-Jährige mit seinem Stil eine neue Ära geleitet. Franziskus trägt ein Kreuz aus Blech vor der Brust, verzichtet auf die roten Papstschuhe und die Gemächer im Palast. Das wirkt auch auf den Klerus: Bischöfe fahren nicht nur kleinere Autos, sie dürfen sich im Gegensatz zu früher auch zu kritischen Themen offen äußern, ohne vom Vatikan abgekanzelt zu werden. Kirchenrechtler Thomas Schüller von der Universität Münster sagt: „Es gibt eine erfrischende Offenheit. Man wird nicht gleich geköpft, wenn man Klartext redet.“ Franziskus hat Diskussionen ermöglicht, nur seine Kirche tut sich mit der Pluralität manchmal noch schwer. Der Papst hat seine Versprechen, „an die Ränder“ zu gehen, wahr gemacht. Bei seinen Reisen sucht er sich Länder wie Südkorea, Albanien, Bangladesch oder seinen Heimatkontinent Lateinamerika aus. Er lädt Obdachlose oder Flüchtlinge in den Vatikan ein und trifft regelmäßig Häftlinge und Ausgegrenzte. Dieser Einsatz für die Schwächsten wird allgemein akzeptiert. Weniger Konsens findet bereits sein Dringen auf eine ökologische Wende, wie er sie etwa in seinem Schreiben „Laudato si“ fordert. Was hat das Seelenheil mit Umweltschutz zu tun, fragen die Fundamentalisten. Dabei steht Franziskus auch in der Tradition seines Namensgebers, dem alle Geschöpfe am Herz lagen, nicht nur der Mensch.

    Die Weichenstellung mit den sichtbarsten Folgen ist ihm bislang in der Nominierung neuer Kardinäle gelungen, die eines Tages seinen Nachfolger bestimmen werden. Sie stammen aus allen Ecken und Enden der Welt. Franziskus wählt eher Pastoren-Typen statt weltfremder Top-Theologen, wie sie noch unter seinem Vorgänger gefragt waren. Ja, die katholische Kirche ist mit dem neuen Papst weniger theoretisch, dafür aber nachhaltig universal geworden.

    Das Projekt Wiederaufbau gerät hingegen immer wieder ins Stocken. Da ist zum Beispiel der zwiespältige Umgang des Papstes mit dem Thema Missbrauch. Einerseits wirkt sein Bemühen um die Anliegen von Betroffenen aufrichtig, andererseits scheinen Franziskus? persönliche Freundschaften zuweilen mehr zu bedeuten als ein mutiges Vorgehen gegen die Täter. So verteidigte er bei seiner Chile-Reise im Januar einen Bischof, der einen Pädophilen gedeckt haben soll und stieß die Opfer vor den Kopf. Zwar entschuldigte er sich später für seine Wortwahl, ein fader Beigeschmack aber blieb.

    Zugleich ist Franziskus nach fünf Jahren im Amt an seine Grenzen gestoßen. Die Finanzreformen des Papstes treten auf der Stelle. Auch die von den Kardinälen 2013 dringend geforderte Reform der Kurie kommt kaum voran. Kritiker werfen dem Papst Nachlässigkeit vor. Kirchenrechtler Schüller sagt: „Ein charismatischer Papst reicht nicht aus, um in kurzer Zeit alle Problemfelder abzuarbeiten. Auch dieser Papst ist auf Gedeih und Verderb auf Leute angewiesen, die seine Ideen umsetzen.“ Mitarbeiter beklagen, dass die rechte Hand nicht wisse, was die linke tue.

    Innerhalb der Kurie hat sich Franziskus keine Freunde gemacht, wenn er wie bei der Weihnachtsansprache 2014 die Mitarbeiter des kirchlichen Verwaltungsapparats herunterputzt und Arroganz und Eitelkeit anprangert. Dass sich eine Gegenwehr gegen ihn formiert hat, die der Vatikan-Experte Marco Politi einmal als „Bürgerkrieg im Untergrund“ bezeichnete, entspricht aber inzwischen nur noch bedingt der Wirklichkeit. In der Kurie hat Franziskus fast alle Schlüsselposten mit Gefolgsleuten besetzt.

    Hinzu kommt: Die bisher wichtigste Schlacht in seinem Pontifikat hat Franziskus eindeutig für sich entschieden. Es geht um das Schreiben „Amoris laetitia“ vom März 2016, in dem Franziskus der Kirche klammheimlich einen Kurswechsel verordnete. Darin forderte er einen offenen Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen. Was nach einem sperrigen Thema klingt, war letztlich ein trickreiches Manöver, um einen Paradigmenwechsel einzuleiten. Die Entscheidung, dass Katholiken auch nach einer zweiten Ehe zu den Sakramenten zugelassen werden können, hat für die Kirche enorme Tragweite. Das erklärt auch den heftigen Widerstand.

    Vier Kardinäle hatten in einem Brief theologische Zweifel angemeldet, eine andere Gruppe dem Papst gar Abweichen von der kirchlichen Lehre vorgeworfen. Franziskus aber hat damit einen Präzedenzfall für andere strittige Themen geschaffen – sei es Empfängnisverhütung oder der Umgang der Kirche mit Homosexuellen. Ausnahmen von der absoluten Norm sind fortan möglich. Die gesamte Auswirkung des Schreibens wird wohl erst nach diesem Pontifikat deutlich werden.

    Vielen der 1,2 Milliarden Katholiken ist das zu wenig. Der Papst, der anfangs so populär war, scheint vielen inzwischen egal zu sein – vor allem in Deutschland, wie eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov nahelegt. Weniger als die Hälfte der Deutschen sind der Meinung, dass er wesentliche Veränderungen in der Kirche erzielt hat.

    Von unserem Korrespondenten Julius Müller-Meiningen

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